Predigttext und Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis - 9. Juli 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 38249;

Titel: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: 1.Mose 50,15-21

Die Brüder Josefs fürchteten sich in Ägypten als ihr Vater gestorben war, und sprachen:
"Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben."
Darum ließen sie ihm sagen: "Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen:
Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.
Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!"
Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.
Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: "Siehe, wir sind deine Knechte."
Josef aber sprach zu ihnen:
"Fürchtet euch nicht!
Stehe ich denn an Gottes Statt?
Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen." Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

( 1. Trojanisches Pferd )

Die Bewohner der Stadt Troja haben vor über 3.000 Jahren - so beschreibt es der griechische Dichter Homer - ein Friedensangebot bekommen, das den Untergang ihrer Stadt bedeutet hat. Ein Heer aus Griechenland hatte die Stadt lange belagert, ohne dass die Belagerung Erfolg gehabt hätte. Da boten die Belagerer den Trojanern Frieden an. Als Friedensgeschenk wollten sie der Stadt ein großes hölzernes Pferd schenken und danach wieder abziehen. So geschah es dann auch. Doch das Pferd war innen hohl. Als es in die Stadt gebracht wurde, waren darin feindliche Soldaten versteckt, die nachts aus dem hölzernen Pferd herauskamen und die Tore Trojas von innen öffneten, sodass die Belagerer einfallen konnten und die Trojaner im Schlaf überraschten. Aus dem Friedensschluss wurde der Untergang, und das Trojanische Pferd wurde zum Sinnbild für Hinterlist, Unglück und Zerstörung, Sinnbild für einen Friedensschluss, der nicht echt ist.


( 2. Josefs Brüder und die Frage, ob Versöhnung echt ist )

Da kommen mir Josefs Brüder so vor, als ob sie das Versöhnungsangebot Josefs für so etwas wie ein Trojanisches Pferd halten. Ist es ein Angebot, dem man nicht so recht trauen kann? Wird das Unheil wohl doch noch verspätet über sie hereinbrechen? Was war da nicht alles geschehen in der vergangenen Geschichte? Da hatten die Brüder Josef in den Brunnen geworfen und als Sklaven nach Ägypten verkauft. Da waren die Höhen und Tiefen im Leben Josefs in der Fremde. Da war er Gefängnisinsasse und Minister des Pharao. Und dann jene Begegnung mit den Brüdern, als sie in ihrer Not vor ihm standen, um Getreide zu kaufen.

Ja, da hat er sich schon mit ihnen versöhnt, als sie wie Bittsteller zu ihm kamen, hat die Familie zu sich geholt und in Ägypten wohnen lassen.

Aber nun ist der Vater nicht mehr da. Gilt da das Wort von der Versöhnung noch? Oder ist alles hinfällig? Wird diese Versöhnung nun so brüchig wie der Friede in der alten Geschichte von Troja? Wird es doch heißen: "Vergeltung statt Versöhnung"?

Zumindest befürchten es die Brüder, dass es so kommt, wenn es hier heißt: "Sie fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war und sprachen: Josef könnte uns gram sein und alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben."

Sie hielten sie wohl nicht für echt, die Versöhnung, die sie bis dahin erlebt haben …


( 3. Versöhnung, die Gott stiftet )

Aber dann wird alles ganz anders. Einfach deshalb, weil Versöhnung von Gott her betrachtet und begründet wird. Einfach deshalb, weil Gott Versöhnung schenkt, die Menschen so nicht alleine bewerkstelligen können. "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen", sagt Josef.

Wo Gott im Spiel und Stifter der Versöhnung ist, da wird sie echt und wirklich. Da bewundere ich Josef, der so konsequent verzeihen kann, weil er sich auf Gott verlässt und das Urteilen und Beurteilen von Schuld Gott überlässt.

Und ich frage mich: Haben wir immer diese Gelassenheit des Gottvertrauens in unserem Handeln? Wie oft tun wir das, was Josef gerade nicht tut, und spielen uns zu Richtern über andere auf, beurteilen selber allzu genau das Gute und das Böse? Wie oft fällen wir als Christen die Urteile über andere allzu schnell und messerscharf? Wie oft setzen wir uns selber aufs "hohe Ross", schauen auf andere herab und sagen: Mein Leben ist besser! Meine Ideale sind echter und höher! Mein Weg ist der richtige!


( 4. Versöhnung von Gott her sehen )

Wenn ich so denke, kann das Prinzip der Versöhnung und Vergebung nie richtig herrschen. Versöhnung wird zum Trojanischen Pferd. Ich sage: "Ich verzeihe", aber in meinem Herzen bleibt tief drin alles beim Alten, und der Streit bleibt immer am Schwelen. Ich rede von Versöhnung, aber in meinem Herzen herrschen Unfriede und Unversöhnlichkeit.

Josef und seine Lebenseinstellung und sein Glaube können mir an dieser Stelle wirklich helfen und Vorbild sein. "Stehe ich denn an Gottes statt?", fragt er. Das muss man sich klarmachen: So redet einer, der allen Grund zum Zorn hätte. So redet einer, der viel mit Gott erlebt hat und um der Menschen willen, nämlich seiner Brüder, viel erduldet hat. Aber so redet auch einer, der sein Leben in Gottes Hände zu legen gelernt hat. Da sehe ich: Wer auf Gottes Gerechtigkeit vertraut, muss nicht mehr selber Richter sein.


( 5. Josef und die Geschichte von Jesus, dem Versöhner )

Eine Geschichte von der Versöhnung ist also diese Josefsgeschichte auf den ersten Blättern der Bibel. Und auf besondere Weise findet sie im Neuen Testament ihre Fortsetzung. Da hat Gott ernst gemacht und eine neue Versöhnungsgeschichte zwischen Gott und den Menschen geschrieben. Auf Golgatha hat er sie geschrieben, und Jesus, sein eingeborener Sohn, spielt die Hauptrolle in dieser Geschichte. Am Kreuz von Golgatha hat er uns Menschen mit Gott versöhnt.

Die, die ihn dorthin gebracht haben, gedachten, es böse mit ihm zu machen, aber Gott hat die Geschichte zum Guten und zum Leben gewendet. Gott hat sich da herabgelassen zu uns Menschen.

Liebe Gemeinde, Christen leben aus dieser Versöhnung. Sie leben davon, dass der Richter nicht Richter, sondern Retter sein will. Das Kreuz wurde zum Zeichen der Versöhnung. Josef hat sich mit den Brüdern versöhnt und ihnen Lebensmöglichkeit in einem neuen Land gewährt. So schenkt Gott durch Christus das neue Reich Gottes.


( 6. Versöhnung als Geschenk )

Diese Versöhnung ist ein Geschenk, das ich gerne und frohen Herzens und ohne Angst und Zweifel annehmen darf. Es ist kein Trojanisches Pferd, von dem ich überrumpelt werde. Sie ist nichts, dem ich nicht bedingungslos vertrauen dürfte.

Gott versöhnt uns mit sich aus purer Liebe. Wir sind eingeladen, diese Liebe anzunehmen, die Hand Gottes zu ergreifen. Sie wird unser Leben als versöhnte Kinder Gottes prägen. In der Geschichte von Josef und seinen Brüdern ist schon abgebildet, was noch kommen würde und für uns schon wahr ist: dass Gott bedingungslos eine Menschheit mit sich versöhnt, die oft das Böse will, aber von Gott Gutes empfangen darf.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!