Predigttext und Predigt zum Gründonnerstag - 13. April 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 223;

Titel: Das Wort geht von dem Vater aus

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: Markus 14,17-26

Am Abend kam Jesus mit den Zwölfen.
Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.
Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern:
Bin ich's?
Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib.
Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes.
Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Viele von euch kennen das Abendgebet: "Müde bin ich, geh zur Ruh …" In dem Gebet kommt der Satz vor: "Hab ich Unrecht heut getan, sieh es, lieber Gott nicht an." Ein kleiner Bub hat es einmal so umformuliert: "Hab ich Unrecht heut getan, geht's dich, lieber Gott, nichts an."

Zuerst klingt die kindlich abgeänderte Version ja lustig. Ernst wird es jedoch, wenn Menschen tatsächlich so leben. Nicht nur Kindern ist es peinlich, mit der eigenen Schuld, mit dem eigenen Versagen konfrontiert zu werden. Das hat wahrscheinlich niemand gern. Die dunklen Winkel sollen nicht beleuchtet werden.

Gerade vor anderen Menschen möchte man gerne seine Fassade wahren. Manchmal kommt es aber ans Licht, wenn einer den anderen hintergangen oder verraten hat. Daran können Beziehungen und Freundschaften zerbrechen.

Die Fantasy-Saga "Herr der Ringe" von J. R. R. Tolkien erzählt von einer Gemeinschaft der Gefährten, die durch den Verrat eines Einzelnen (Boromir) auf eine schwere Probe gestellt wird. Wie einige andere nach ihm möchte Boromir selbst den "einen Ring" besitzen und verletzt damit seinen Auftrag, den Ringträger Frodo zu beschützen. Die Gemeinschaft wird durch die folgenden Turbulenzen gesprengt und auf lange Zeit getrennt. Boromir bekennt und bereut sein Tun. Nachdem ihm die anderen verziehen haben, stürzt er sich todesmutig ins Schlachtgetümmel. Dort findet er den Tod. Der Autor J. R. R. Tolkien, war übrigens Christ und mit C. S. Lewis eng befreundet; und er hat diese Saga eigentlich als christliche Parabel (!) geschrieben.

Auch unser Predigttext redet von einer Zerreißprobe. Und er redet davon, dass das, was wir tun, Gott eine Menge angeht. In drei Punkten möchte ich euch diese extremen Erfahrungen noch einmal vor Augen malen.


1. Die Krise

Jesus kündigt den Verrat an. Diese Aussage muss wie eine Bombe in die vergnügte Tischgemeinschaft eingeschlagen haben. Jesus lässt keinen Zweifel an der Wahrheit seiner Ankündigung ("wahrlich" - "Amen"). Der geliebte Meister soll von einem seiner engsten Freunde ans Messer geliefert werden. Das ist nicht nur Verrat, das ist Hochverrat. Die Spannung und Verwirrung steigert sich, weil Jesus den Verräter selber nicht verrät. Natürlich wissen wir, dass es Judas ist. Aber gerade der lange Zeigefinger auf "den" Verräter sollte tunlichst unterbleiben. Die Reaktion der Jünger zeigt: Keiner ist sich in diesem Moment seiner Sache sicher. Judas ist und bleibt (vorerst) "einer von den Zwölfen" . Immerhin werden alle anderen wenig später Jesus auch verraten (bzw. im Stich lassen). Das klingt dramatisch - ist es genau betrachtet auch. Jesus hat sich nicht mit Glaubenshelden umgeben, sondern mit schwachen Menschen.

Es ist ein Verrat, von dem wir uns heute nicht einfach distanzieren können. Denn wir als Gemeinde und als einzelne Christen reihen uns nahtlos in diese verräterische Gemeinschaft ein. Wie oft haben wir Jesus vergessen oder für weniger als 30 Silberlinge verraten? Diese Erkenntnis ist vielleicht nicht neu, aber immer wieder neu wichtig und schmerzlich. Es ist uns jedenfalls verwehrt, uns über Judas oder einen anderen zu erheben.

Diese Erkenntnis kann aber auch befreiend sein: Wir brauchen keine Kraft darauf zu verschwenden, uns gegenseitig unsere "weißen Westen" zu präsentieren. Die haben wir nicht! Stattdessen könnten wir uns selbst und gegenseitig in einem anderen Licht betrachten: als Glieder einer Gemeinschaft von Verrätern. Wir stecken alle in derselben Krise: Wir haben unseren Herrn (immer wieder) aus den Augen verloren.

Hören wir, was Dietrich Bonhoeffer dazu in seinem Buch "Gemeinsames Leben" geschrieben hat:


"Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen. Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre. Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und Heuchelei; denn wir sind nun einmal Sünder.
Es ist aber die Gnade des Evangeliums, die für den Frommen so schwer zu begreifen ist, dass es uns in die Wahrheit stellt und sagt. Du bist ein Sünder, und nun komm als dieser Sünder, der du bist, zu deinem Gott, der dich liebt. Er will dich so, wie du bist, er will nicht irgendetwas von dir, ein Opfer, ein Werk, sondern er will allein dich. ›Gib mir, mein Sohn, dein Herz‹ (Spr 23,26). Gott ist zu dir gekommen, um den Sünder selig zu machen. Freue dich! Diese Botschaft ist Befreiung durch Wahrheit."


2. Die Wende

Jesus hätte alle Jünger (und uns) wegschicken können. Er wusste ja bereits, dass dem Verrat des einen der Verrat der anderen folgen würde. Aber er tut es nicht. Er bringt die Jünger aus der Sackgasse, aus der Sackgasse der traurigen Selbstbetrachtung und der bangen Frage: "Wie wird es, wie kann es überhaupt weitergehen?"

Jesus schafft die Wende. Er setzt das heilige Abendmahl ein. Er deutet die vorhandenen Gaben des Passamahls neu. Damit weitet er denen den Horizont, die keine Perspektive mehr hatten. Jesus schenkt seinen Jüngern seine Gemeinschaft neu. Er gibt sich in Brot und Wein denen, die ihn auf kurz oder lang verraten werden. Auf diesem Hintergrund bekommt sein Geschenk, seine Selbst(-hin-)gabe eine unvorstellbare Größe.

Mit dem Wort "Bund" zeigt Jesus, dass es ihm weit mehr als den Augenblick geht. Was der Prophet Jeremia geweissagt hat, was Generationen von frommen Juden erhofft und erbeten haben, dies gewährt Jesus seit damals allen seinen Jüngern. Er schenkt (durch seinen stellvertretenden Sühnetod) Vergebung und damit Gemeinschaft mit ihm, dem Gottessohn. Die Bundesgemeinschaft steht seitdem allen offen, die sich von uns zu Jesus einladen lassen.

Das Beispiel des Petrus zeigt, dass sündiges Verhalten die Bundesgemeinschaft mit Jesus nicht zerstört. Jesus stößt ihn nicht von sich. Er ermöglicht ihm eine persönliche Wende und beauftragt ihn neu.

Und wir können von den Jüngern lernen. Sie alle nehmen, essen und trinken. Sie tun es gemeinsam. Als von Jesus neu begründete Gemeinschaft gehören sie zusammen. Aus der Gemeinschaft der Verräter wird im Abendmahl eine Gemeinschaft der Beschenkten. Wichtig ist, alles abzulegen, was dieser Gemeinschaft im Wege steht. Wer mit seinem Bruder, seiner Schwester im Streit liegt, der kann schlecht zum Abendmahl gehen. Der Gemeinschaft am Altar darf kein Gegeneinander im Alltag folgen.

Wenn wir Jesus nachfolgen und Christen sind, dann sind wir auf dem Weg. Aber unsere Gemeinschaft ist brüchig. Wir setzen sie durch unser Verhalten immer wieder aufs Spiel. Das Heilige Abendmahl bietet uns Runderneuerung und Stärkung. Zugleich ist es ein Vorgeschmack auf die vollendete Gemeinschaft, die diejenigen erwarten, die in diesem Leben Jesus vertrauen.


3. Das Ziel

Zwar geht es im Reich Gottes nach Paulus nicht wesentlich um Essen und Trinken (Römer 14,17). Doch spielt das fröhliche Feiern der Abendmahlsgemeinschaft darin eine wichtige Rolle. So ist doch Jesu Hinweis auf sein zukünftiges Trinken vom "Gewächs des Weinstocks" zu verstehen. Hier klingt große Vorfreude an.

Wenn jemand sagt: "Der Weg ist das Ziel", dann können wir an dieser Stelle entschieden widersprechen. Der Weg ist nicht das Ziel. Aber der Weg der Nachfolger Jesu hat ein Ziel: die ewige und vollendete (Tisch-)Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Jesus weist uns auf die zukünftige Vollendung hin. Nicht, um aufs Jenseits zu vertrösten, sondern um die Gegenwart ins rechte Licht zu rücken. Der ewige Bund ist in und mit Jesus schon da. Die Bundesgemeinschaft wird aber auf unvorstellbare Weise vollendet werden. Wohlgemerkt: nicht von uns. Wir dürfen uns darum bemühen, unsere gegenwärtige Gemeinschaft als Jesusjünger zu pflegen. Durch uns soll das Ziel nicht völlig unglaubwürdig werden. Aber selbst brauchen wir dazu die Kraft des gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

Das Heilige Abendmahl kann uns dabei zum Rastplatz und zur Tankstelle werden. Damit wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Jesus lädt uns - jeden einzelnen und alle zusammen - jedenfalls herzlich in seine Gemeinschaft ein.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht einen gesegneten Karfreitag!