Predigttext zu Oculi - 19. März 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 196;

Titel: Herr, für dein Wort sei hoch gepreist

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: Markus 12, 41-44

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte
in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein.
Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.
Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe
hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.
Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluß eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre
ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!


( 1. Die Vergessene wird zum Vorbild )

Die Zeit der öffentlichen Wirksamkeit Jesu neigte sich dem Ende zu. Drei Jahre lang war er unterwegs gewesen. Dreimal hatte er in den Leidensankündigungen seinen Weg nach Jerusalem angekündigt. Die Geschichte vom Scherflein der Witwe, wie unser Predigttext meist genannt wird, ist der letzte Bericht vom Wirken Jesu, bevor seine Endzeitrede folgt und dann Schritt für Schritt die Passion, das Leiden und Sterben. Diese letzte Szene ist kein eindrückliches Wunder und auch keine theologische Diskussion mit der Geistlichkeit, sondern ein Blick mit den Augen Jesu auf eine unbekannte arme Witwe. Sie wird zum Vorbild, zur Ermutigung zum Glauben. Auch wenn Jesus keine konkrete Weisung gibt, so ist doch klar: Das Bild und das Handeln dieser Frau will er seinen Jüngern einprägen.

Damit wiederholt sich etwas, was wir immer wieder in den Evangelien entdecken. Jesus hat sich immer wieder - um es mit einem Bildwort zu sagen - den Menschen in der letzten Reihe zugewandt: den Blinden und Aussätzigen; den Kindern - die Jünger wollten ihn daran hindern, dass er seine Zeit mit den Kleinen vertut; der unbekannten Schwiegermutter des Petrus. Auch von Zachäus, dem Zöllner, ist hier zu reden, denn er war damals wirklich "out". Er hatte zwar Geld, aber er wurde geschnitten und abgewiesen. Der Schächer am Kreuz: Er konnte nichts mehr gutmachen; er konnte sich bei niemand mehr entschuldigen. Aber Jesus ist für ihn da. Seit ihrem kurzen Gespräch am Kreuz ist dieser Verbrecher der stärkste Beleg für die Zielrichtung des Handelns Jesu: Vergessene, Ausgestoßene, Verachtete, Menschen aus der letzten Reihe bekommen bei Jesus ihre Würde zurück. Sie werden zum Vorbild des Glaubens.

So wie die Witwe in dieser Geschichte. Wir kennen ihren Namen nicht; wir wissen nicht, wie ihr Weg weiterging. Aber Jesu Blick und Wort machen sie unvergessen. Vielleicht werden wir in unserer Glaubens- und Gemeindegeschichte auch an die eine oder andere Person erinnert, die Gott in dieser Weise als Ermutigung und Stärkung für andere gebraucht hat, vielleicht auch für uns persönlich. Die Kirche Jesu Christi lebt in besonderer Weise von den vielen unbekannten Personen, die in keiner Geschichtsdarstellung vorkommen, aber mit ihrem kleinen Leben Verstärker der Liebe Gottes waren, durch die andere zum Glauben eingeladen und auf dem Weg gestärkt werden.


( 2. Das Opfer gehört zum Gottesdienst )

Die kleine Szene, die uns der Evangelist Markus erzählt, hat eine lange Vorgeschichte und eine tiefe Begründung.

Schon Abraham, der Stammvater Israels, begann damit, an wichtigen Punkten seines Weges einen Altar zu bauen und dort ein Tieropfer darzubringen. Er dankte damit Gott für das Geleit und die Bewahrung auf dem Weg; er bat um neue Wegweisung; er vergewisserte sich seines Glaubens. Jeder dieser "Gottesdienste" war mit einem Opfer verbunden. Das beste Tier war dafür gerade gut genug.

Aus dieser ersten Praxis der Väter des Glaubens erwuchs später eine zentrale Lebensäußerung des alttestamtlichen Glaubens. Die Stiftshütte und später der Tempel waren die Orte für die Gottesdienste mit den Opferungen. Im 4. Buch Mose wurden dem Volk damals dafür genaue Gestaltungshinweise gegeben.

Aus Schuld und Ungehorsam konnten das Volk und der einzelne Gläubige immer wieder zu Gott umkehren. Die Opferung eines Tieres unterstrich die Ernsthaftigkeit und erinnerte daran, dass eigentlich vor Gott der Mensch selbst sein Leben verspielt hatte.

Ein besonderer Höhepunkt war der jährliche Gang des Hohenpriesters ins Allerheiligste im Tempel - mit Blut, um das Sühnopfer das ganze Volk darzubringen. Neben das Sühnopfer trat das Dankopfer für Gottes vielfältige Gaben; ebenso gab es Gottesdienste und Opfer in besonderen Situationen - z. B. bei Bedrohung von außen oder bei Erntenöten. Und immer gehörte das Opfer dazu - zur Sühne oder als Zeichen des Dankes. So wie die zwei Münzen der Witwe.

Doch wir wissen es: Durch das Kommen Jesu gab es einen Einschnitt und eine grundlegende Veränderung. Er stellt sich gleich am Anfang des Markusevangeliums als der vor, in dem "die Zeit erfüllt und das Reich Gottes herbeigekommen ist" (Markus 1,15). Wir müssen nichts mehr opfern, um Gott gnädig zu stimmen. Jesus hat ein für alle Mal das Opfer dargebracht. Gerade im Hebräerbrief wird dies mit Bezugnahme auf die Ordnungen im Alten Testament ausführlich dargelegt.

Aber was blieb bis heute - nicht als unwichtige Erinnerung, sondern in der Mitte neu gefüllt: Auch die Gemeinde des Auferstandenen opfert - nicht um Gott zu versühnen, sondern als Dank und Signal der unbedingten Zugehörigkeit.

Deshalb ist klar: Zu jedem evangelischen Gottesdienst gehört eine Opfersammlung. Natürlich sind die Opfer in unseren Gottesdiensten auch wichtig für die Finanzierung der Gemeindearbeit bzw. damit wir als Gemeinde anderen Menschen helfen können, Mission und Diakonie unterstützen, auf Notlagen reagieren.

Aber diese "äußere Seite" darf nicht die Mitte verdecken, um die es geht: Wir danken Gott. Wir staunen über seine unbegreifliche Barmherzigkeit. Und wer sich darüber im Klaren ist, dass er von Gottes Gaben lebt, der öffnet auch seine Hand und seinen Geldbeutel.


( 3. Es geht um unser ganzes Leben )

Mit dem bisher Bedachten sind wir aber noch nicht im Kern unserer kleinen Geschichte angekommen. Jesus, der alle Situationen und Menschen durchschaut, sieht es: Diese Witwe hat mehr als alle anderen eingelegt - nicht in Zahlen gerechnet, aber sie warf alles in den Opferstock, was sie hatte. Nichts hielt sie zurück.

In dieser kleinen Geste des Einwurfes gab sie sich und ihr Leben ganz an Gott hin. Dies war auch der Grund, weshalb Jesus die Jünger herbeirief - nicht weil sie eine Witwe war, nicht wegen den zwei Münzen, sondern wegen ihrer umfassenden Hingabe.

Man beachte: Unsere kleine Geschichte steht im Markus- und im Lukasevangelium am Ende der öffentlichen Wirksamkeit Jesu. Es folgt nur noch die Endzeitrede als Unterweisung der Jünger, dann wird der Kreis um Jesus enger; auf die Gefangennahme folgen die Verhöre, die Folterung und schließlich das Kreuz. Er hat sich selbst ganz und gar hingegeben. Nichts hat er zurückgehalten. Vor diesem seinem eigenen Weg zeigt er an der Witwe, was ihm im Blick auf die Menschen in seiner Nähe wichtig ist.

Am heutigen Sonntag Okuli in der Passionszeit geht es in allen Texten und Lesungen um diesen zentralen Akzent des biblischen Zeugnisses. Auch der Wochenspruch spricht davon: "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes" (Lukas 9,62).

Jesus möchte nicht einen Teil unseres Lebens. Er, der sich ganz und gar für uns dahingegeben hat, zielt auf unser Herz. Er will das Vorzeichen für alle Bereiche unseres Lebens sein - unser Geld, unsere Familie, unsere Arbeit, unsere Freizeit …

Keiner von uns wird vermutlich all sein Geld, sein Vermögen und alles, was er hat, ganz konkret wegzugeben haben. Natürlich hat es in der Geschichte der Christenheit immer wieder einmal einzelne Personen gegeben, die solch einen radikalen Schnitt vollzogen haben. Man denke nur an Franz von Assisi, den reichen Kaufmannssohn, der alles weggab, damals im 11. Jahrhundert.

Aber die Witwe erinnert uns heute auf jeden Fall an das Vorzeichen, das unser Leben prägen will: Jesus Christus hat durch sein Leiden und Sterben alles für uns getan. Deshalb zielt er auf unser Herz. Er will, dass wir ihm ganz gehören. Und gerade so macht er unser Leben reich und weit.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!