Predigttext und Predigt zu Invokavit - 5. März 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 362;

Titel: Ein feste Burg ist unser Gott

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: 1.Mose 3,1-24 (wird während der Predigt verlesen)

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

"Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut" (1. Mose 1,31). Können wir die Welt, die wir konkret um uns herum erleben, so positiv beurteilen? Wenn wir uns kritisch umschauen, nehmen wir vieles wahr, was ganz und gar nicht gut, geschweige denn sehr gut, ist. Abend für Abend liefert uns das Fernsehen schlechte Nachrichten frei ins Haus. Nachrichten von Hass und Zwietracht, Misserfolgen und bewaffneten Konflikten, Krankheit und Tod.

Und auch im Blick auf uns selbst fällt uns nicht nur Gutes ein. Wir erinnern uns an Enttäuschungen, an unsere Verfehlungen und Unterlassungen. Es beschleichen uns Sorgen und Schuldgefühle. Offenbar gehen mitten durch diese Welt und mitten durch unser eigenes Leben tiefe Risse. Sie tun nicht nur weh, sie geben uns auch Rätsel auf.

Warum liegt die Welt im Argen? Woran liegt es, dass unser Leben, das schön und gut sein könnte, so zwiespältig ist? Warum ist die Welt nicht so, wie Gott sie geschaffen hat? Die biblische Antwort gibt die Geschichte vom Sündenfall.

Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten.
Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.
Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan?
Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

1. Versucht und gefallen

Es geht Schlag auf Schlag. "Sie sah", "sie nahm", "sie aß", "sie gab". Es ist wie bei einer schiefen Ebene. Wer das Gefälle einmal betreten hat, für den gibt es kein Halten mehr. Wenn ein Zug durch eine Weiche auf ein anderes Gleis gelenkt wird, dann laufen die Schienen zunächst eine ganze Weile nebeneinanderher. Man merkt die Richtungsänderung kaum. Aber allmählich wird der Abstand immer größer, und schließlich verlieren sich die Gleise in entgegengesetzter Richtung. So trennt uns das Böse von Gottes Willen und Weg. Zuerst kaum merklich, aber dann wird der Abstand immer größer.

Die Schlange erklärt: Gott kann das doch gar nicht so gemeint haben, er ist dazu viel zu großzügig. Nur du bist so kleinlich und eng. Für jedes Bibelwort gibt es verschiedene Auslegungen. Gottes Gebot wird relativiert. Es erscheint nicht mehr klar und eindeutig. Ich will selber Herr meines Lebens sein. Gott soll hinter mir hergehen und mich segnen, segnen, segnen. Gott - als mein Kellner. Aber das ist Gott nicht. Er ist der Herr.

Jenes bekannte Animieren: ein Vorspiegeln von zu erwartenden Herrlichkeiten mit verlockenden Aussichten. Es sind nicht nur keine üblen Folgen zu erwarten, sagt die Schlange, sondern umgekehrt, die Wirkung wird über alle Maßen positiv und gewinnbringend sein. Ihr werdet sein wie Gott.

Auch Eva wollte nicht von Gott abfallen. Das war gerade der Trick der Schlange, dass sie sich nicht als Verführerin zu erkennen gab. Sie beginnt mit einem kleinen Plausch. Sie spricht sogar über Religiöses. Die Schlange hat Eva nicht einmal aufgefordert, von Gott abzufallen. Sie hat nur aufgeklärt, ganz nebenbei. Trau Gott nicht zu viel zu. Damit untergräbt sie das Vertrauen der ersten Menschen zu Gott. Warum ausgerechnet dieser schönste Baum, den er uns da vorenthält?

Sie sucht einen Genuss, ein schönes Gefühl, ein tolles Erlebnis. Mit tödlicher Sicherheit nagen die beiden Zeitbomben an Evas Glauben. Jeder Mensch hat seinen Preis, so sagt man, vor allem aber hat jeder Mensch seinen "Baum": Geld, Ehre, Macht, Vergnügen …

Gemeinsam wollten die beiden Menschen teilhaben an der neuen Offenbarung eines erhöhten verbesserten Menschseins. Sie sind in gespannter Erwartung und erhoffen das große Glück. Da bricht gleichsam der Boden unter ihren Füßen. Sie sind sehend geworden, aber in ganz anderer Weise. Sie schauen in den Abgrund, der sich unter ihnen auftut, und erkennen, dass sie im Elend sind. Nackt und bloß sind sie. Keine Hülle deckt ihre Schuld vor Gott. Scham füllt ihre Herzen.

Auch ihre Gemeinschaft untereinander ist zerstört. Schuld macht sie einsam. Jeder schämt sich und verbirgt sich vor dem anderen. Der Geber aller Güter erfreut sie nicht mehr, sondern jagt ihnen Schrecken ein.
Das Wissen im Gegensatz zu Gott und in Konkurrenz mit Gott wird zum Bumerang, der auf den Menschen zurückschnellt. In unserer modernen Gesellschaft wird von Jahr zu Jahr deutlicher, wohin ein Wissen führt, das sein will wie Gott.

Robert Oppenheimer (1904-1967), der Vater der ersten Atombombe, sagt: "Der Mensch ist dazu bestimmt, mit seinem Wissen zu leben. Wer dieser Unvermeidlichkeit ausweicht, ist kein Mensch." Und doch wären wir dankbar, wenn wir nie etwas von der Kernspaltung gewusst hätten. Entsprechendes gilt auch für Teile der Gentechnologie etc.


2. Verstecken und Schuld abschieben


Adam und Eva benehmen sich wirklich wie die ersten Menschen. Mit einem Feigenblatt versuchen sie, ihren Fehltritt zu bemänteln. Hinter dem Baum verstecken sie sich. Doch wo ist schon hinten bei einem Baum, wenn man nicht weiß, woher der Suchende kommt? Unversehens stellt Gott sich ein.

So ist es bis heute mit uns Menschen, dass wir nach begangener Tat fassungslos dastehen und fragen: Wie konnte mir das nur passieren? Es schien doch alles so harmlos und unverfänglich. Es war doch nur dieses einzige Mal. Fahrerflucht gelingt hier nicht. "Führe ich gen Himmel, so bist du da; nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand dort erreichen." Irgendwann hört unsere Flucht auf, wenn wir erkennen, dass wir von allen Seiten von Gott umgeben sind (Psalm 139). Wir sind von ihm eingeholt, spätestens in der Stunde, wenn wir vor ihm stehen und unser Leben verantworten müssen.

Gott spricht: "Adam [= Mensch!], wo bist du?" Man kann seinen Schmerz hören, das Weinen Gottes um sein liebstes Geschöpf. Gott sehnt sich nach dem Werk seiner Hände.


3. Gestraft und doch gerettet werden


Immer sind die anderen schuld, niemals ich. Charakteristisch für den Menschen ist: Wir sind perfekt darin, die eigene Schuld auf andere abzuschieben. Nicht ich, sondern mein Mann, meine Frau, das versagende Elternhaus, der ungute Chef, die böse Nachbarin; oder meine Veranlagung, mein Charakter; die Verhältnisse, die widrigen Umstände, die Flaute im Geschäft, der Krieg, die Flucht aus der Heimat. Nicht wir Deutschen, sondern die Russen, die Kommunisten, die Nazis …

Wir nicht, aber die Arbeitgeber, die Gewerkschaften, die Interessenverbände, die Parteien. Wir bringen es zu Meisterleistungen, wenn es darum geht, den Schwarzen Peter einem anderen zuzuschanzen.

Warum hat Gott mich mit einem solchen Leib geschaffen, in dem die Leidenschaften wie wilde Stürme toben? Oder man verlegt sich auf regionale Prägungen: "Rheinländern liegt das so im Blut", "So sind wir Franken halt".

Oder die Vererbung muss herhalten, die Schwächen unserer Familie. Und schließlich ist es doch immer wieder Gott, der an allem schuld ist, den wir anklagen.

Oder man wechselt die Front. Satan ist schuld, den klage ich an. Die Schlange betrog mich. Der stolze Mensch lässt es sich lieber gefallen, sich als Spielball in der Hand böser Einflüsse und dämonischer Kräfte zu betrachten, als dass er sich selber die Schuld gibt. Es war alles wie verhext und verzaubert. Dafür kann niemand etwas. Wir sind eben schwache Geschöpfe.

Als vor einigen Jahren Adolf Eichmann (1906-1962), einer der Organisatoren und Vollstrecker des Holocaust, von einem israelischen Gericht zum Tode verurteilt wurde, zeigte sich "die Banalität des Bösen". Das Erschütternde an der monatelang währenden Verhandlung war, dass Eichmann in keiner Weise bereit war, Schuld einzugestehen. Noch in seinem Schlussplädoyer erklärte er sich für unschuldig und schob seinen Vorgesetzten jeweils den Schwarzen Peter zu.

Der Mensch macht sich selber armselige Schürzen. Kümmerliche Feigenblätter sind alle Ausdruck für unsere selbstgerechten Entschuldigungen. Wir kennen diese Blätter: "Ich tue recht und scheue niemand" oder: "Mir kann doch keiner etwas nachsagen. Ich habe immer meine Pflicht getan. So gut wie andere bin ich bestimmt".

Wollen wir wirklich in dieser armseligen Bekleidung vor Gott erscheinen? "Der im Himmel wohnt, lacht ihrer" (Psalm 2,4).

Die Schmerzen bei der Geburt; das Leben der Mutter hängt oftmals an einem seidenen Faden. Doch dann gehen die Schmerzen weiter: Probleme und Nöte mit der Erziehung führen oft zur Überlastung der Mütter. Vor Augen stehen uns die unzähligen, verbrauchten und verblühten, vergrämten und verweinten Evasgesichter.

Sie sind das Zeugnis davon, dass die Frau ihr höchstes Glück immer wieder mit tiefster Not und äußerstem Risiko erkaufen muss.

Dornen und Disteln auf dem Weg der täglichen Arbeit sind Adams Los. Der Bauer, dessen Viehbestand von der Maul- und Klauenseuche dezimiert wird; der Lehrer, der mit seiner Klasse zu kämpfen hat; der überlastete Arzt, den das Telefon von einem Patienten zum anderen jagt; der Straßenbahnfahrer, der sein Leben lang die gleichen Strecken fahren muss; der Verkehrspolizist, der Stunde um Stunde durchhalten muss in der Giftküche der Abgase; der Akkordarbeiter am Fließband, der Tag für Tag denselben Handgriff macht usw. usf.…

Wir spüren etwas von diesem Fluch. Selbst wenn es uns gelungen ist, Dornen und Disteln auszurotten, die Geburten schmerzfrei zu gestalten und ungezählte Lebenserleichterungen zu ersinnen.

Die Vergeblichkeit der menschlichen Arbeit beschreibt der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus (1913-1960) im Mythos vom Sisyphos. Sisyphos, so die griechische Erzählung, musste zur Strafe einen schweren Stein einen steilen Berg bis zum Gipfel hochschleppen. Jedes Mal, wenn er oben angekommen ist, entgleitet ihm der Felsblock und rollt wieder ins Tal hinab. Alle Anstrengung ist sinnlos und absurd. - Ob Camus allerdings mit seiner These recht hat, wir müssten uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, darf bezweifelt werden.

Wie ein erster Silberstreifen am Horizont, so wird hier mitten in der Katastrophe der Sünde verheißen: Der Retter von Sünde und Satan kommt. Er wird der Schlange den Kopf zertreten. Jesus, das heißt "Gott hilft". Er ist die Hilfsaktion Gottes in Person.

Gott vertreibt seine Menschen nicht nackt und bloß aus dem Paradies. Es findet vorher eine Einkleidung statt. Wir erinnern uns an das Gleichnis von jenem Vater, der seinem Sohn, der als Lump nach Hause kommt, verordnet: "Bringt das beste Kleid, gebt ihm einen Ring an die Hand und Schuhe an die Füße" (Lukas 15,22).

In Bertolt Brechts (1898-1956) "Mutter Courage" heißt es: "Wer mit dem Teufel frühstücken will, muss einen langen Löffel haben." Doch es gibt keinen Löffel, der lang genug wäre, damit wir uns nicht den Mund verbrennen. Schöner, wahrer und besser ist darum, was uns das Evangelium zur Überwindung der Sünde sagt und singt: "Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis."

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Passionszeit!