Predigttext und Predigt zu Sexagesimae - 19. Februar 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 196;

Titel: Herr, für dein Wort sei hoch gepreist

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf
der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Markus 4,26-29

Jesus sprach:
Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag;
und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie.
Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.
Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Auch in diesem Gottesdienst werden wir nachher im Vaterunser wieder die Bitte aussprechen: "Dein Reich komme!" (Matthäus 6,10).

Glauben wir es wirklich, dass Gottes Reich kommt? Ist unser Glaube tatsächlich von der Zuversicht bestimmt, dass Gott mit seiner Herrschaft über die Mächte dieser Welt triumphiert und sein Reich des umfassenden Friedens herbeiführt? Oder haben wir uns nicht längst damit abgefunden, dass die Kirche an die Stelle des Reiches Gottes getreten ist und wir uns daher mit dieser "Taschen-Ausgabe" bzw. "Light-Version" des Reiches Gottes zufriedengeben müssen?

Damit wir uns aber nicht an der Kirche genug sein lassen und uns die Hoffnung auf die Vollendung des Reiches Gottes und ein Leben in seiner Herrlichkeit "abschminken", hat Jesus das Gleichnis von der selbst wachsenden Saat erzählt. So wie den Jüngern damals will er uns Christen damit ein Dreifaches ins Stammbuch schreiben und zugleich zu neuer Zuversicht anstiften:


1. Gottes Reich kommt - auch wenn wir nicht wissen, wie

Forschung und Wissenschaft haben insbesondere in den letzten hundert Jahren Enormes geleistet und immer mehr bisher Unentdecktes ans Licht gebracht und viele Rätsel gelöst. Es hat den Anschein, als ob es bald keine Geheimnisse mehr gibt, die noch gelüftet werden müssten. Es ist erst einige Jahre her, dass Wissenschaftler mit der Mitteilung Aufsehen erregten, dass sie den menschlichen DNA-Bauplan entschlüsselt und damit den genetischen Code geknackt hätten, der es ihnen in absehbarer Zeit ermöglichen würde, Menschen mit den gewünschten Eigenschaften und Aussehen künstlich im Reagenzglas zu züchten.

Wir sind fasziniert, und gleichzeitig schaudert uns vor solchen Aussichten.

Wer jedoch glaubt, wir Menschen könnten am Ende Gott auf die Schliche kommen und das Geheimnis seines Wirkens lösen, der irrt gewaltig. Gottes Wirken - und dazu zählt auch das Kommen seines Reiches - entzieht sich jeder menschlichen Berechnung und Beeinflussung.

Jesus macht das an einem einfachen Bild aus der Landwirtschaft deutlich: Wenn der Bauer den Samen auf dem Acker ausgestreut hat, dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis der Samen aufgeht und schließlich das Getreide reif zur Ernte ist. Er kann zwar den Vorgang des Wachsens beobachten, aber was dann im Einzelnen beim Wachsen geschieht, kann er weder enträtseln noch beeinflussen.

Im Gleichnis heißt das: "Der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie." Da würde es auch nicht helfen, wenn der Bauer versucht, am Getreidehalm zu zupfen, damit die Ernte schneller kommt. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!"

Übertragen wir diese Aussage auf unser Leben als Christen. Wir wissen um Gottes Plan mit dieser Welt und auch mit unserem Leben. Gott hat Jesus zu unser aller Heil in diese Welt geschickt und damit sein Reich inmitten aller irdischen Reiche und Mächte eindrücklich anbrechen lassen. Wann und wie dieses Reich aber zu seiner Vollendung kommt, das bleibt sein Geheimnis. Aber auch wenn wir diesem Geheimnis nicht auf die Spur kommen, möchte Jesus, dass wir uns nicht in der Zuversicht beirren lassen, dass es mit unwiderstehlicher Kraft kommen wird.

Dass Gott auch heute unter uns wirkt, können wir immer dann auf beglückende Weise erleben, wenn ein Mensch sich für die Botschaft des Evangeliums öffnet und anfängt, Jesus zu vertrauen. Dass ein Mensch Christ wird und Jesus nachfolgt, das kann nur Gott und sein Geist bewirken. Wir können zwar durch die Verkündigung, durch unser Zeugnis die Saat des Evangeliums ausstreuen. Aber ob dann dieser Samen auf fruchtbaren Boden fällt und aufgeht, das liegt nicht in unserer Hand. Wir können nur in gelassenem Gottvertrauen abwarten, dass Gott die Saat in einem Menschenherzen aufgehen und Frucht bringen lässt.

Von Martin Luther wird erzählt, dass er nach Gottesdiensten, in denen er gepredigt hatte, mit seinem Freund Philipp Melanchthon einen trinken ging. Und er begründete das so: "Wenn ich gepredigt habe, kann ich gern mit Philippus ein Wittenbergisch Bier trinken gehen, denn das Wort Gottes läuft jetzt auch ohne mich." Das ist die Gelassenheit, zu der uns Jesus mit dem Gleichnis anstiften möchte.


2. Gottes Reich kommt - aber es entzieht sich unserer Machbarkeit


Es hat im Laufe der Kirchengeschichte nicht an Versuchen gefehlt, das Reich Gottes mit menschlichen Mitteln herbeizuführen: durch Druck und Drohung, Zwang und Manipulation. Mancher missionarische Bekehrungseifer hat der Sache des Reiches Gottes nicht gutgetan, sondern schlimmen Schaden angerichtet, ganz abgesehen davon, dass dabei häufig die Mission nur als Deckmantel für imperiales Machtstreben von Kaisern und Päpsten herhalten musste. Alle diese Bemühungen, das Reich Gottes mit Gewalt herbeizuzwingen, sind samt und sonders gescheitert.

So versuchten Wiedertäufer aus Holland, im Jahr 1535 in Münster mit brutaler Gewalt das Reich Gottes zu errichten. Der Versuch endete schon nach kurzer Zeit in einem Meer von Blut und Tränen. Noch heute kann man am Turm der Münsteraner Lambertikirche jene Eisenkäfige sehen, in denen damals die hingerichteten Anführer der Wiedertäufer der Bevölkerung zur Abschreckung zur Schau gestellt wurden.

Nun haben die Kirchen aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Heute käme wohl niemand mehr auf den Gedanken, dem Reich Gottes mit militärischen oder politischen Mitteln zum Durchbruch zu verhelfen. Aber die Versuchung, mit unseren menschlichen Mitteln und Möglichkeiten zur besseren Wirksamkeit der Sache Gottes beizutragen, ist uns keineswegs fremd. Greifen wir nicht auch gerne zu Gemeindeaufbau- und -entwicklungs-Programmen, um das Gemeindeleben lebendiger zu gestalten und das Reich Gottes unter den Menschen auszubreiten? Nutzen wir nicht auch manche Mittel und Methoden für eine effektive Gemeindearbeit?

Aber nun sagt Jesus im Gleichnis: Das Reich Gottes kommt von selbst - "automatisch", so steht es im Urtext. Und um das zu unterstreichen, fügt er an, dass der Bauer zwischen Aussaat und Ernte "schläft und aufsteht, Nacht und Tag" - so als ob er jetzt gar nichts weiter zu tun habe. Natürlich ist es im Alltag eines landwirtschaftlichen Betriebes nicht so, dass ein Bauer nach der Aussaat den Acker bis zur Ernte sich selbst überlässt und auch ansonsten müßig bleibt. Er muss den Acker düngen, eventuell das wuchernde Unkraut beseitigen oder bei anhaltender Trockenheit den Acker bewässern. Aber Jesus hält daran fest: All dies ändert doch nichts an der Tatsache, dass der Same ohne menschliches Zutun aufgeht und zur vollen Ähre heranreift.

Heißt das aber nun, dass wir zur Untätigkeit verdammt sind und nur staunend danebenstehen können, wenn der Same wächst, d. h. das Reich Gottes sich von selbst aus der ihm innewohnenden schöpferischen Kraft entwickelt und ans Ziel kommt?

Vielleicht lässt sich diese Frage so beantworten: Wir sollen nicht handeln, damit Gottes Reich kommt, sondern weil es ganz ohne unser Zutun kommt. Wir sollen als Christen nicht die Hände in den Schoß legen und als untätige Zuschauer danebenstehen, wenn Gott handelt. Ja, wir sollen uns mit unseren Gaben einbringen: verkündigend, missionierend, dienend, Zeugnis gebend, zupackend und mithelfend. Aber wir sollen uns bei alledem bewusst bleiben: Das Entscheidende kann allein Gott tun. Wir können keinen einzigen Menschen bekehren, keine geistlich lebendige Gemeindearbeit entwickeln.

Das ist einerseits ein kräftiger Schuss gegen jeden Machbarkeits-Optimismus und alle möglichen Allmachtsfantasien. Jesus sagt uns: Bildet euch nur ja nicht ein, dass ihr mit euren Aktivitäten und Programmen das Reich Gottes bauen und für seinen Siegeszug sorgen könnt! Ihr könnt den Samen ausstreuen, aber dass er wächst, aufgeht und Frucht bringt: Dafür sorgt allein Gott.

Andererseits aber bedeutet dies zugleich eine Entlastung und Befreiung von jedem Erfolgsdruck oder -zwang. Wenn wir treu das Unsere tun, dann können wir alles Weitere getrost und zuversichtlich dem Wirken Gottes überlassen. Das bewahrt uns vor Nervosität und Hektik und macht uns gelassen.


3. Gottes Reich kommt - aber wir brauchen Geduld

Mit dem Gleichnis von der selbst wachsenden Saat will Jesus seine Zuhörer - und damit auch uns - Geduld lehren. Das Reich Gottes braucht Zeit zum Wachsen und Reifen. Es kommt nicht mit einem großen Knall, sondern eher auf leisen Sohlen und entwickelt sich fast unbemerkt von unscheinbaren Anfängen bis zu seiner grandiosen Vollendung. Eben diesen Gedanken illustriert Jesus am Wachstumsprozess in der Natur. Der braucht bekanntlich seine Zeit, bis der ausgestreute Samen in der Erde aufgeht und danach sich die Ähren bilden, schließlich der volle Weizen in den Ähren steht und das Feld reif zur Ernte ist.

Die Jünger Jesu haben damals wohl gehofft, dass sie möglichst bald den Durchbruch der messianischen Herrschaft Jesu und damit den endgültigen Triumph des Gottesreiches miterleben würden. Aber Jesus macht ihnen klar: Gottes Uhren gehen anders. Er lässt sich Zeit - und er gibt Zeit.

Mit dem Bild der Ernte spielt Jesus auf das Gericht am Ende der Zeiten an. Jesus macht damit auf seine Wiederkunft und das Jüngste Gericht aufmerksam. Wir wissen, dass gerade die frühe Kirche diesen Erntetag sehnsüchtig erwartet und erhofft hat. Mit seinem Gleichnis sagt Jesus auch uns heutigen Christen, die wir bisher 2.000 Jahre vergeblich auf den großen Erntetag gewartet haben: Habt Geduld! Der Zeitpunkt der Ernte wird ganz gewiss kommen!

Ja, es fehlt uns oft an der nötigen Geduld. Das gilt auch für unsere Arbeit in der Gemeinde. Wir leben bekanntlich in einer schnelllebigen Zeit, in der sich möglichst umgehend die erwünschten Ergebnisse einstellen sollen. Der Spannungsbogen zwischen Erwartung und Erfüllung wird immer kürzer. Wir verlieren schnell die Lust an einer Sache, wenn uns Warteschleifen zugemutet werden und unsere Wünsche nicht möglichst rasch in Erfüllung gehen. Wir müssen begreifen, dass das in geistlichen Dingen nicht funktioniert. Hier gilt immer noch das Gesetz des Wachstums - und das braucht bekanntlich Zeit. Das gilt für die großen Entwicklungen wie dem Wachstum des Reiches Gottes, aber ebenso auch in dem überschaubaren Rahmen der persönlichen Glaubensentwicklung eines Menschen.

Was geduldiges Wartenkönnen anbetrifft, kann uns Monika, die Mutter des großen Kirchenvaters Augustin, ein Vorbild sein. Als engagierte Christin war es ihr ein Herzensanliegen, dass ihr Sohn auch den Weg des Glaubens geht. Doch ihr Glaube wurde auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Denn Augustin trieb sich in jungen Jahren überall herum, genoss ein ausschweifendes Leben und wurde bereits mit 16 Jahren Vater eines Sohnes. Aber Monika hörte nicht auf, für ihn zu beten und durfte dann nach vielen Jahren erleben, dass ihr Sohn mit 32 Jahren Christ wurde. In seinen "Konfessionen " hat Augustin später der geduldig hoffenden Mutter ein schriftstellerisches Denkmal gesetzt.

Ja, wir brauchen Geduld. Es lohnt sich, weiter auf den großen Erntetag zu warten. Denn er kommt bestimmt!

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!