Predigttext und Predigt zum 3. Sonntag vor der Passionszeit - 12. Februar 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 342;

Titel: Es ist das Heil uns kommen her

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
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Predigttext: Lukas 17,7-10

Jesus sprach:
Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch?
Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken?
Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?
So auch ihr!
Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Zur Zeit und demnächst laufen sie wieder - die Tarifverhandlungen zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern. Sollten sich die Tarifparteien nicht einigen, ist Streik angesagt. Die heutigen Arbeitnehmer sind sich ihrer starken Position bewusst. Ohne die Gewerkschaft, die Interessenvertretung der Arbeitnehmer, läuft nichts. Das wissen auch die Arbeitgeber. Und deshalb setzten sie sich auch mit den Lohnforderungen ihrer Arbeiter und Angestellten auseinander. Ein einseitig verordneter Lohn ist daher undenkbar.

Vor Gott entwickeln wir auch zu gern eine gewisse Gewerkschaftsmentalität. Wir kommen ihm mit unseren - wie wir meinen - berechtigten "Lohnforderungen". Bei voller christlicher Arbeitsleistung, wie zum Beispiel christlicher Lebensführung, praktizierter Nächstenliebe, gezahlter Kirchensteuer und moralischer Anständigkeit, erwarten wir selbstverständlich von Gott Anerkennung und Segen. Bei abgeleisteten "Überstunden", wie z. B. Gottesdienstbesuchen, Teilnahme an kirchlichen Kreisen und anderen Aktivitäten, erwarten wir von Gott auch eine Abgeltung dieser unserer Sonderleistungen, gleichsam eine besondere "Überstundenregelung".

Jesus kennt unsere Krämerseele. Er weiß, wie stark wir immer wieder dazu neigen, mit Gott einen "Kuhhandel" anzufangen. Das alte bekannte Spiel "do ut des" - "ich gebe, damit du gibst" ("eine Hand wäscht die andere") macht Gott nicht mit. Jesus stellt hier unmissverständlich - beinahe grob - klar, dass Gott und Mensch zwei ungleiche Partner sind, die nicht auf gleicher Ebene verhandeln - schon gar nicht handeln! - können. Wer bist du, Mensch, eigentlich, dass Du vor Gott mit Forderungen aufwartest?

Du bist sein Geschöpf. Absolut abhängig. Ohne jeden Rechtsanspruch. Alles, was du tust - und sei es noch so "edel, hilfreich und gut" - ist deine Pflicht und Schuldigkeit. Insofern lehnt Gott jede Tarifverhandlung ab. -

Liebe Gemeinde, diesen Tonfall mögen wir nicht. Jesus spricht hier nicht milde und sanft, verständnisvoll und einladend. Er erinnert uns vielmehr an die berechtigten Forderungen Gottes an uns. Er erinnert uns daran, dass es für uns selbstverständliche Christenpflichten gibt, die nicht in unser Belieben gestellt sind: Ist es etwas Besonderes, wenn jemand jeden Sonntag zum Gottesdienst geht, so dass er dafür von Gott etwas Besonderes zu erwarten hätte? Ist es nicht vielmehr selbstverständlich für einen Christen, jeden Sonntag treu am Gottesdienst der Gemeinde teilzunehmen? Ist es denn etwas Besonderes, wenn ich großzügig spende für den Bau des Reiches Gottes oder für Notleidende? Ist es etwas Besonderes, wenn ich bewusst nach den 10 Geboten zu leben versuche? -

Für uns mag es schon etwas Besonderes sein. Aber Gott erwartet es selbstverständlich von uns. Gott fragt nicht danach, ob wir das "Bedürfnis" haben, ihm zu entsprechen. Er erwartet es schlicht von uns. Wir sind vor ihm "unnütze Knechte". "Unnütz" oder " entbehrlich", das heißt, so ungern ich das vielleicht auch sage: Ich bin ein Knecht, der jederzeit ersetzbar ist. Gott braucht mich nicht. Er ist nicht abhängig von mir. Deshalb braucht er sich weder zu bedanken noch zu belohnen.

Mit diesem Satz: "Wir sind entbehrliche Knechte, denn wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig sind", wird jeder Wahn des Verdienstes für das Tun des Knechtes zermalmt. Es ist allerdings zu beachten, das nicht Jesus oder der Herr im Gleichnis die Knechte als wertlose Knechte beurteilt, sondern dass diese Worte ein Selbstbekenntnis der Knechte selbst sind. Wenn Jesus Seine Jünger sonst auch "Freunde" nennt (Johannes 15,14.15), so bleiben sie doch in der demütigen Knechtshaltung ihrem Herrn gegenüber. Knechte Gottes oder Jesu Christi ist der höchste Ehrentitel der Kinder Gottes.

Die Betonung liegt jeweils auf dem "brauchen". Gott braucht das alles nicht zu tun, aber in völliger Freiheit tut er es doch, wenn er es will. Im Spiegel dieses Gleichnisses erkennen wir auch, wie unbiblisch und töricht der Satz ist: "Gott hat keine anderen Hände, keine anderen Füße als die unsrigen". Gott hat sehr wohl andere - nämlich zumindest seine eigenen!

Wenn uns Jesus das so deutlich sagen muss, dann wohl deshalb, weil wir immer wieder dazu neigen, anmaßend vor Gott aufzutreten. In unseren Köpfen und Herzen sitzt das unselige Verdienstdenken fest verankert. Wir spielen uns vor Gott oft auf als "ebenbürtige" Partner. Nein, Mensch - überlege, wer du bist vor Gott. Deine Position ist unendlich schwach. Du bist abhängig. Tue gefälligst deine Pflicht!

Auch in unserer Kirche spielt das Anspruchsdenken keine geringe Rolle. Ich rede hier nicht speziell von unserer Kirchengemeinde, sondern von der Situation in der Kirche insgesamt. Die Mitarbeiterschaft ist überwiegend gewerkschaftlich organisiert. Mehr als 38½ Stunden sind im "öffentlichen Dienst" nicht drin, sämtliche vermeintlichen oder tatsächlichen Überstunden werden buchhalterisch minutengenau aufgelistet. Und auf eine großzügige Urlaubsregelung wird peinlichst geachtet. Und auch Lohnforderungen sind kirchlichen Mitarbeitern nicht fremd. Und wie ist es mit den "ehrenamtlich" Tätigen? Für wen sind sie tätig? Steht ihre Selbstverwirklichung in der Gemeinde im Vordergrund? Bietet ihnen die Kirchengemeinde die Plattform der wie auch immer gearteten Selbstdarstellung in der Gesellschaft? Wie selbstlos ist unser ehrenamtliches Engagement?

Wie viel Sorge haben wir da immer wieder, zu kurz zu kommen! Wie unendlich wichtig nimmt sich da jeder einzelne mit seinem Aufgabenfeld! Und wie verletzlich wird reagiert, wenn dieser oder jener seine Arbeit nicht gründlich genug gewürdigt sieht. Die persönliche Eitelkeit, die Sorge, nicht hinreichend genug beachtet zu werden in dem, wer man ist und was man tut, "stinkt" manchmal in der Kirche förmlich zum Himmel.

Mir geht es nicht um einen Rundumschlag, nicht um Pauschalverdächtigungen oder -verurteilungen. Es soll sich niemand persönlich angegriffen fühlen. Aber jeder - ich eingeschlossen! - sollte sich unbedingt solche selbstkritischen Fragen immer wieder stellen. Jesu Worte aus unserem Gleichnis fordern uns geradezu dazu heraus.

Schon unter den Jüngern Jesu war so etwas zu beobachten. Deshalb reagiert Jesus darauf so scharf. Deshalb lautet die Frage an uns: Für wen eigentlich tust Du das, was Du tust? Tust Du es allein um Jesu willen, oder ist Dein ganzes Leben letztlich eine mehr oder weniger fromme Selbstbespiegelung?

Liebe Gemeinde, dass wir uns hier nicht missverstehen. Jesus hat gewiss nichts gegen die Anerkennung kirchlichen Engagements, auch nichts gegen ein vernünftiges Tarifrecht für kirchliche Mitarbeiter. Aber er bringt es hier und heute auf den Punkt, wenn er uns fragt nach der Motivation unseres Handelns. Wenn er uns fragt: "Warum und für wen eigentlich bist Du tätig?"

Luther unterstreicht unseren heutigen Predigttext in seiner Erklärung zum ersten Glaubensartikel (Von der Schöpfung). Dort weist er hin auf das, was Gott uns alles mit seiner Schöpfung geschenkt hat. "Und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr" (EG 905.2, S. 1556).

"Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren."

Ich befürchte, dass ich bei weitem nicht alles getan habe und tue, was Gott berechtigterweise von mir erwartet. Insofern hätte ich von ihm nichts oder entsprechend wenig zu erwarten. Wer sein Leben in gesunder Selbstkritik vor Gott gestaltet, kommt an dieser Erkenntnis nicht vorbei.

Wenn wir Gott gegenübertreten wie vor einen Lohnbuchhalter, dann haben wir nichts zu lachen. Dann gehen wir leer aus. Wer zu Gott mit Ansprüchen kommt, verliert ihn als Ansprechpartner! Wer mit Gott "abrechnen" will, erlebt generell sein eigenes "Minusgeschäft", der steht schnell vor seiner Lebenspleite.

Jesus zeigt uns, dass dieses der falsche Umgang mit Gott ist. Auf dieser Ebene können wir mit Gott nicht verhandeln. Gott will nicht kleinlich abrechnen. Nicht nach menschlichem Tarifrecht uns behandeln. Er will ja mehr für uns. Er will uns das schenken, was wir uns selbst nicht und niemals verdienen können: Seine Liebe! Und diese seine Liebe stellt unsere Vorstellungen auf den Kopf: Wir unnützen Knechte und Mägde, die nicht einmal in der Lage sind, alles zu tun, was uns Gott befohlen hat, erfahren, dass Gott einer von uns wird. In Jesus Christus wird Gott selbst zum "unnützen Knecht". Er geht für uns den untersten Weg. "Er wird ein Knecht und ich ein Herr", heißt es in einem Weihnachtslied (EG 27,5). Er schenkt nicht irgend etwas, er schenkt seine Liebe - ja, er verschenkt sich selbst an uns in Jesus Christus. Diese Liebe sprengt jede Vorstellung, jeden Rahmen.

Er schenkt uns seine Nähe, Vergebung der Sünden, ewiges Leben! Das ist das Größte und Schönste! - Wie peinlich kleinkariert wirkt dagegen unser "Mit-Gott-abrechnen-Wollen"! Wer um diese unendliche, unverdiente Liebe weiß, der bemüht sich selbstverständlich und fröhlich um seine "Christenpflicht". Für den ist alles, was er im Namen Jesu und um Jesu willen tut, nichts anderes als eine Antwort auf das, was er für ihn getan hat.

Zwei Beispiele zeigen, wie man als Christ im Sinne unseres Gleichnisses Leben kann.


Als ich vor meinem Theologiestudium ein Diakonisches Jahr in einem Alten- und Pflegeheim ableistete, da hat auch mir der Spruch, den Pfarrer Wilhelm Löhe (1808-1872), der Gründer des Diakoniewerks Neuendettelsau, seinen Diakonissen mit auf den Weg gab, sehr geholfen - vor allem bei der rechten Beurteilung und Einschätzung meiner Arbeit. Ich habe ihn im Schwesternzimmer an die Wand geheftet, so dass mehrmals täglich mein Blick auf ihn fiel. Die Worte sind zugleich eine sehr treffende Auslegung unseres Predigttextes.


Leider stehen diese wichtigen Worte nicht mehr in unserem neuen Gesangbuch, in der Ausgabe davor waren sie nachzulesen. "Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich dienen? Dem Herrn in seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe. Mein Lohn ist, dass ich darf" (EKG, S. 469).

Was doch ein kleines Wörtchen ausmacht! Nicht um Dank dienen wir, sondern aus Dank. Wenn wir das bedenken, kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Auf der Grabplatte des schwedischen Erzbischofs Nathan Söderblom im Dom zu Uppsala ist die schlichte Aufschrift zu lesen: Nathan Söderblom, 1866-1931. Und eine Bibelstellenangabe: Lukas 17, Vers 10. Es wird nicht daran erinnert, dass der Erzbischof ein bekannter Vorkämpfer der Einheit der Christen war. Nicht verzeichnet ist sein Titel und seine bemerkenswerte wissenschaftliche Arbeit. Vermutlich hat er selbst bestimmt, was da stehen sollte: Der Name natürlich, denn Gott ruft uns mit Namen. Die Lebensdaten, denn Gott ruft uns ins Leben und am Ende aus dem Leben. Dann aber, was offenbar Lebensgeheimnis und verborgene Antriebskraft dieses Mannes gewesen ist, dieses provozierende Wort Jesu aus unserem Gleichnis vom Knechtslohn: "Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren."

Die Frage, die wir uns immer wieder stellen müssen, ist, wie wir unsere Taten einordnen. Gott fragt uns heute: Wer bist du? Bist du einer, der Forderungen an Gott stellt, oder ein Knecht, eine Magd Gottes, dem er die Chance und die Verantwortung gibt, in seinem Namen in der Welt zu arbeiten. Denn das sind die rechten Knechte und Mägde, die in allem, was sie tun, auf ihren Herrn Jesus Christus hinweisen, und in allem, was sie tun, dem lebendigen Gott die Ehre geben.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!