Predigttext und Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias - 29. Januar 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 346;

Titel: Such, wer da will, ein ander Ziel

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: 2. Mose 3, 1-14

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb
die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah,
daß der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
Als aber der HERR sah, daß er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach:
Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf
du stehst, ist heiliges Land!
Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks
und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über
ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.
Und ich bin herniedergefahren, daß ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe
aus diesem Lande in ein gutes und weites Land,
in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter,
Hiwiter und Jebusiter.
Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen
habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao
senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, daß ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?
Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, daß ich dich gesandt habe:
Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.
Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott
eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich
ihnen sagen?
Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen:
»Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

( Hinführung )


Nach der Ordnung des Kirchenjahres feiern wir heute den Letzten Sonntag nach Epiphanias. Epiphanias oder Epiphanie heißt Erscheinung. Heute geht es auch um eine Epiphanie, nämlich um die Geschichte, in der Gott dem Mose im Dornbusch erscheint. Sie hat es in sich.


1. "Ziehe deine Schuhe aus" - Begegnung mit dem Heiligen (V. 1-6)


Es beginnt sehr alltäglich. Wie fast jeden Tag, tagaus - tagein, betreut Mose das Kleinvieh seiner Familie. Schafe blöken, die Ziegen meckern. Der Tag beginnt wie jeder Tag. Staubig und steinig.

Aber er bleibt so nicht. Gott bricht ein in seinen Alltag. Am Morgen fing alles an wie immer. Am Abend war sein Leben dramatisch anders. Das kann passieren. Auch in unserem Leben. Bei Mose fing es damit an, dass er neugierig wurde. Etwas war anders. Ein Busch brannte, ohne zu verbrennen. Nun lebte er lange genug in der Wüste, um eine Fata Morgana zu kennen. Dies war anders. Und plötzlich spricht Gott ihn an mit seinem Namen: "Mose!"

Rechnest du heute damit, dass Gott dich ansprechen kann? Ein Sonntag wie jeder Sonntag? Francis Schaeffer (1912-1984) hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "The God who is there" - "Der Gott, der da ist". Im Namen des dreieinigen Gottes sind wir versammelt. Das ist kein leerer Satz. Gott ist da! Das ist Realität.

Für Mose: Neugier, Überraschung und dann Erschrecken.

"Ziehe deine Schuhe aus, denn der Boden, auf dem du stehst, ist heiliges Land." - Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) hatte im Blick auf das letzte Jahrhundert von dem "Zeitalter der Gottesfinsternis" gesprochen. Gottesfinsternis. Bei einer Sonnenfinsternis hat sich etwas vor die Sonne geschoben, sodass wir sie nicht mehr sehen. Sie ist nicht weg, aber wir sehen sie nicht mehr. Buber: So ist uns als Menschen unserer Zeit Gott verschwunden. Ja, die Situation des Menschen unserer Tage ist von einer merkwürdigen "Gottvergessenheit" geprägt. Gott haben die Leute für ihren Alltag schlicht vergessen. Auch für die, die ihn nicht leugnen. Gott kommt nicht mehr vor im täglichen Leben. Gott ist vergessen.

Anders war es noch, als Paulus auf dem Areopag in Athen bei einer Mission im Fußgängerbereich (Apostelgeschichte 17) Gespräche mit Intellektuellen führt. Damals war die Frage, welche Götter die richtigen waren: Sollen es die Götter des Olymps sein, gibt es andere, neue Götter? Paulus bescheinigt den Leuten, dass sie "gottesfürchtig" seien. Das tägliche Leben der Leute war von dem Bewusstsein um die Götter durchdrungen.

Heute wird diese Frage eher seltener gestellt. Höchstens in der Form, ob es denn überhaupt einen Gott gäbe. Uns umgibt ein breiter Konsens, dass man mit Gott so ziemlich straflos umspringen kann. Früher hieß es: "Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten" (Galater 6,7). Das scheint lange vergessen.

Wenn es Gott denn gäbe, hätte er sich erst einmal viel anzuhören. Er würde vor unser Tribunal gestellt: wegen der Kriege und des Terrors, des Klimawandels, wegen Ausschwitz, wegen der Finanzkrise, der Hoffnungslosigkeit allenthalben … Heute sind viele Leute im Herzen überzeugt, dass Gott tatenlos ist. Ein Papiertiger, der nicht gefährlich werden kann, den man nicht zu fürchten braucht. - Wenn es ihn denn gibt, dann kann er einem egal sein. Deswegen hat heute kaum noch jemand schlaflose Nächte - wie etwa Luther zu seiner Zeit.

Gottesfinsternis, Gottvergessenheit.

Schlimmer noch: Ein Stand mit Bibeln und missionarischen Schriften auf einem Weihnachtsmarkt in einer deutschen Stadt. Ein junger Kerl stürmt darauf zu: Das sei doch schändlich, so ein erbärmlicher Gott! Die Bibel ein ganz schlimmes Buch - alle Religionen sind schädlich und fürchterlich. Gott - in seinem Namen werden Morde begangen und Terror verbreitet. Gott -, das ist das Letzte, was wir brauchen. Wir wollen es nicht! Wer von Gott her denkt, der ist gefährlich!

Gott stört sich nicht daran: "Ziehe deine Schuhe aus, denn der Boden, auf dem du stehst, ist heiliges Land." - Plötzlich ist Gott da. Er erwartet, dass wir uns auf ihn einstellen. Das Erste, was er Mose zu verstehen gibt, ist, dass er der heilige Gott ist!


2. Der Gott der Väter sendet Mose (V. 7-10)

Und Gott stellt sich vor. Mit den Namen von Menschen. Es sind die Vorfahren. Mose kennt die Geschichten, wie Gott sie geführt hat. Den Abraham aus Ur und Haran. Den Jakob nach Ägypten. Da waren sie jetzt, in Ägypten. Geplagt von dem Staat, ausgeliefert der Willkür der ägyptischen Mächtigen. Die Väter hatten Gott vertraut. Sie hatten sich auf sein Wort verlassen. Das Wort hatte ihnen Hoffnung gegeben auf ein gutes Leben in einem guten Land, dem Land Kanaan.

Diese Väter hatten mit Gott gerechnet. Sie hatten den Segen weitergegeben. Und jetzt: Der Gott Abrahams ist wieder da. Er redet. Er beauftragt. Es geht weiter. Die Geschichte Gottes mit den Kindern Abrahams, mit dem Volk Israel geht weiter: "Ich habe das Elend gesehen, das Geschrei gehört." Du, Mose, sollst mein Volk aus Ägypten führen, in das Land, das ich den Vätern zugesagt habe. Du wirst zum Pharao gehen.

Ob Gott uns darauf ansprechen kann, dass wir eine Verantwortung haben, wie es mit seiner Gemeinde an unserem Ort weitergeht? Wir stehen im Glauben, weil andere vor uns sich von Gott in seinen Dienst nehmen ließen. Jetzt will Gott wieder handeln. Und dafür braucht er dich. Dietrich Bonhoeffer, ermordet 1945. "Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll." Ob Gott uns beauftragen darf, sein Werk weiterzuführen?


3. Ich will mit dir sein - Gott kommt mit (V. 11-12)

Wer bin ich? So fragt Mose. Wer ist er schon? Mose hatte ja sein Volk kaum kennengelernt. Als Kind war er an den Palast gekommen, hatte dort studiert. Beste Ausbildung. Aber als Kämpfer für sein Volk war er zum Mörder geworden. Mose war auf der Flucht. Wer bin ich schon? Ein Findelkind. Ein Mörder. Ein Flüchtling. Eine Hilfskraft in der Wüste. Wer bin ich? Und genau mit dieser gebrochenen Biografie ist Mose der, den Gott jetzt braucht. Er braucht jemanden, der die Wüste kennt, der den Palast kennt. Er braucht genau ihn. Da sind die langen Zeiten der Einsamkeit plötzlich wertvoll und wichtig für das, was Gott mit ihm vorhat. Mose hatte die ideale Ausbildung für die Aufgabe.

Aber das ist nicht ausreichend. Damals hatte er das vielleicht gemeint, als er den ägyptischen Sklaventreiber umbrachte. Jetzt weiß Mose, dass guter Wille und die eigene Kraft nicht reichen. Wichtiger als alle Begabung und Erfahrung und Bildung, die Mose mitbringt, ist, dass Gott ihm zusagt: "Ich will mit dir sein!" Und wenn Gott mitgeht, dann nicht nur als Begleiter, sondern als der, der vorangeht.

Da wird Mose dann zum Beobachter dessen, was Gott macht. Der Gott Abrahams handelt weiter, er wird zum Gott Moses. Wie Abraham als Freund Gottes galt, so Mose als der, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht sprach, wie ein Mann mit seinem Freund (2. Mose 33,11). Gott selbst handelt durch ihn.

Wenn Gott uns heute beauftragt - könnte Gott sich auch nach uns benennen? Wäre das vermessen? Unser Bibelabschnitt lädt uns ein, uns darauf einzustellen, dass Gott uns senden will. In unserer Zeit ist er nicht tot, er hat eine Aufgabe für uns, wird durch uns sein Werk verrichten.


4. Jahwe - Gott wird auch in Zukunft da sein (V. 13-14)

Und mehr noch. Gott will auch in Zukunft bei seinem Volk bleiben. Das wird deutlich an dem Namen, den er dem Mose nennt: Jahwe, der Herr. "Ich bin, der ich bin, ich werde sein, der ich sein werde." Gott handelt nicht aus einer Augenblickslaune heraus. Er sieht weiter. Mose und Israel werden ihn auch in Zukunft brauchen. Und da wird er da sein. An ihrer Seite.

Er ist der heilige Gott. Derjenige, vor dem man die Schuhe auszieht. Er ist nicht einfach ein Hirtenkollege. Er ist Gott; der hinsehende Gott, der die Not sieht, die Tränen kennt, das Wimmern hört.

Er greift ein. Er beauftragt Menschen. Er befähigt Menschen. Er begleitet. Er gibt Zukunft, indem er seine Gegenwart auch für morgen zusagt und für übermorgen, für alle Zeit.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!