Predigttext und Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias - 15. Januar 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 398;

Titel: In dir ist Freude

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf
der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: 2.Mose 33,17b-23 8wird während der Predigt verlesen)

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Habt ihr das Dschungelcamp gesehen? … Was für eine Frage! Ich doch nicht! Aber ist es überhaupt besonders mutig, zu sagen, dass man zu denen gehört, die ein Fernsehformat konsequent meiden, das Millionen Deutsche regelmäßig verfolgen?! Eigentlich nicht. Irgendwo müssen die Zuschauer aber herkommen … 7 Millionen waren es also am Freitagabend - mehr als ein Fünftel der Fernsehzuschauer insgesamt, von den 14- bis 49-Jährigen sogar über 40 Prozent, also mehr als jeder Dritte …

Nun, mir genügt das, was ich in der Tageszeitung lese, um zu wissen, dass ich mir diese Sendung nicht antun muss. Mir genügt aber das, was ich in der Tageszeitung lese, auch, um festzustellen, dass unser Leben manchmal dem Dschungelcamp gleicht.

- " Da musst du mit teilweise sehr seltsamen Leuten klarkommen, die dir das Leben richtig schwer machen können.
- " Da gibt es viele Sachen, auf die du verzichten musst.
- " Da gibt es ständig schwierige Prüfungen und Herausforderungen zu bestehen.
- " Da gibt es Leute, die von außen zuschauen und ihren Senf dazugeben, wie du dich so verhältst.

Ja, das Leben ist öfter mal wie ein Dschungelcamp. Kein Wunder, dass man da ab und an den Dschungelkoller bekommt. Kein Wunder, dass man manchmal am liebsten alles hinwerfen würde. Kein Wunder, dass man sich manchmal fragt, warum man diesen Zirkus eigentlich mitmacht.

Mose ging es nicht viel anders. Nur, dass der nicht im Dschungelcamp, sondern im Wüstencamp war. Und im Wüstencamp ging es ganz schön heiß her. Gerade erst gab es so richtig Zoff: Mose kommt nach einem langen mehrtägigen Gespräch mit Gott in der "Hütte" mit den Zehn Geboten quasi frisch aus Gottes Steinmetzbetrieb vom Berg runter. Und da sieht er die Israeliten beim Tanz auf den Tischen ums Goldene Kalb. Die wollten einen Gott zum Sehen und zum Anfassen haben. Mose wird stinksauer.

"Welches Rindvieh betet schon ein Kalb an? Könnt ihr dem unsichtbaren Gott, der sich uns so intensiv als Retter gezeigt hat, denn nicht vertrauen, ohne ihn zu sehen? Außerdem seht ihr ihn doch in der Wolkensäule tagsüber, in der Gott uns vorangeht und uns den Weg zeigt, und nachts in der unübersehbaren Feuersäule."

Ich glaube, Mose hat die Nase mehr als gestrichen voll gehabt. Jetzt soll er natürlich wieder bei Gott die Kastanien aus dem Feuer holen. Blendende Aussichten!

Wird Gott überhaupt noch weiter mitziehen? Mose bekommt Zweifel, wird deprimiert und frustriert. Aber er macht es. Mose bittet Gott stellvertretend um Verzeihung für sein Volk. Und Gott gewährt eine zweite, eine dritte, eine vierte Chance. Blendende Aussichten!

Und nun tritt Mose mit einer Bitte vor Gott, die uns ganz unverschämt erscheint.

Genau an dieser Stelle möchte ich euch vorlesen, wie das Gespräch zwischen Gott und Mose weiter verläuft.

Der Herr sprach zu Mose: "Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen."
Und Mose sprach: "Lass mich deine Herrlichkeit sehen!"
Und er sprach:
"Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des Herrn:
Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig,
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich."
Und er sprach weiter:
"Mein Angesicht kannst du nicht sehen;
denn kein Mensch wird leben, der mich sieht."
Und der Herr sprach weiter:
"Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.
Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen."

Liebe Gemeinde! "Lass mich deine Herrlichkeit sehen!", sagt Mose zu Gott. Es geht nicht darum, in den Gottesdienst zu gehen, um dort Lieder über Gott zu singen und Geschichten zu hören über das, was Gott in der Vergangenheit getan hat. Es geht darum, ihm selbst heute zu begegnen, seine Macht und Herrlichkeit zu sehen.

"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!", sagt Mose zu Gott. Das Entscheidende an dieser Geschichte ist nun, wie Gott mit dieser Bitte umgeht. Passen wir genau auf, was geschieht! Wir haben hier ein Musterbeispiel vor uns, wie Gott mit dem Gebet eines Menschen umgeht, selbst da, wo es eine so unverschämte Bitte ist.

Das Fazit: Wenn du betest, hast du blendende Aussichten!


1. Dein Gebet hat blendende Aussichten, weil Gott sein großes, gnädiges Ja zu dir sagt (V. 17-19)

Der HERR sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

Gott sagt: Ja, Mose, du darfst wissen, dass ich da bin und mitgehe. Ich höre deine unverschämte Bitte, ich nehme sie ernst. Denn von Anfang an habe ich dich ja schon gerufen, dich in meinen Dienst gestellt und dir klargemacht:

- " Ich will dir gnädig sein, und durch dich dem ganzen Volk Israel.
- " Ich stehe zu meinem Wort: Wem ich Gnade versprochen und Gnade erwiesen habe, dem bin ich auch weiter gnädig, mit dem gehe ich auch weiter mit.

Gott sagt: Wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich wirklich, nicht nur halb, nicht nur zum Schein; nicht, um ihn wieder fallen zu lassen, wenn er mal einen Fehler macht.

Was für ein gewaltiger Trost, was für ein "starker Trost", wie es in der Herrnhuter Losung gestern zu lesen war (Hebräer 6,18)! Was für eine Ermutigung zum Gebet! Du darfst bitten: "Gott, ich möchte mehr von dir erleben." Du darfst dabei deine ganz persönlichen Nöte vor ihn bringen. Willst du mehr von Gott erleben, bist du unsicher und entmutigt, dann wage es ruhig, so unverschämt um seine Gegenwart zu bitten wie Mose.


2. Dein Gebet hat blendende Aussichten, weil Gott dich vor Überforderung schützt (V. 20)

Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

Gott ließ Mose zwar spüren, dass er bei ihm ist, aber er zeigte ihm seine Herrlichkeit nicht so unverhüllt, wie Mose es wollte. Und er erklärte ihm, warum es nicht gut ist, Gott unverhüllt zu sehen: "Kein Mensch wird leben, der Gott sieht."

Leo Tolstoi erzählt von einem König, der alles erlebt und erfahren hat, der alle Reichtümer und alle Macht besitzt, der aber noch einen Wunsch hat: Er möchte gerne Gott sehen. Keiner kann ihm helfen - außer einem Hirten, der sich ein Herz fasst und den König auffordert, in die Sonne zu sehen. Der König wird vom Glanz geblendet, Tränen schießen ihm in die Augen. "Willst du, dass ich erblinde?!", fragt er wütend den Hirten. Und der Hirte antwortet: "Aber mein König, dies ist doch nur ein Ding der Schöpfung, ein schwacher Abglanz der Größe Gottes, ein kleines Fünkchen seines flammenden Feuers. Wie willst du mit deinen schwachen, tränenden Augen Gott sehen? Suche mit anderen Augen!"

Es ist nicht möglich, Gott unmittelbar zu sehen, ihm sozusagen in die Augen zu schauen. Das wäre wie ein Blick in die Sonne, es würde mindestens die Sehkraft, wenn nicht das ganze Leben kosten. Die Blindheit des Menschen für die Gestalt Gottes hat ihre Ursachen in dem nicht zu überbrückenden, unendlich großen Unterschied zwischen dem heiligen Gott und dem sündigen Mensch. Gott wahrt sein Geheimnis - und trotzdem offenbart er sich. Kein Mensch hat ihn gesehen, keiner weiß ihn zu beschreiben. Trotzdem zeigt er sich als ein Gott der Güte und der Barmherzigkeit.

Wenn ich die wärmende Sonne spüre, dann stelle ich mir vor, Gott wendet mir sein Angesicht zu. Das Sonnenlicht ist nur ein Abglanz seiner Herrlichkeit und die Grenze dessen, was wir Menschen wahrnehmen können, aber ich spüre darin ganz körperlich seine Güte, seine Gnade und seine Barmherzigkeit.


3. Dein Gebet hat blendende Aussichten, weil Gott dir einen Raum des Sehens anbietet (V. 21-23)

Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Gott will Mose einen Raum geben, er kann auf dem Fels stehen. Er kann Gott spüren, erfahren, wahrnehmen, ohne seine Herrlichkeit zu sehen, ohne von ihr vernichtet zu werden. Denn Gott hält seine fürsorgliche Hand über Mose. Das ist ein Bild für die fürsorgliche Hand, die Gott über alle Menschen hält. Gott ist bei den Menschen - auch im Alltag, auch im Leiden, überall und immer.

Mose darf Gott hinterhersehen. Hinterhersehen heißt: Ich erkenne oft erst nachträglich, im Nachhinein, im Rückblick Gottes Anwesenheit. Glauben heißt darum: neu sehen lernen. Glauben heißt: im Elend dieser Welt die Spuren eines barmherzigen und gnädigen Gottes zu entdecken. Der Blick direkt in die Sonne macht blind. Der Blick dorthin, wo die Strahlen der Sonne ihr Licht hinwerfen, macht klug. Er lehrt uns das Vertrauen auf einen barmherzigen Gott. Es ist Jesus, dem wir nachschauen und nachfolgen sollen, er ist unsere Spur Gottes in dieser Welt. In ihm sehen wir Gott. Jesus sagt: Wer mich sieht, der sieht den Vater!


4. Dein Gebet hat blendende Aussichten, weil Gott dich darin mit seinem Glanz beschenkt (2. Mose 34,29)

Von Mose geht nach seinem Gebet der Glanz von Gottes Gegenwart aus. Davon erzählt das nächste Kapitel 34 in Vers 29: "Da nun Mose vom Berge Sinai ging, hatte er die zwei Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte davon, dass er mit ihm geredet hatte."

Die Begegnung mit Gott im Gebet verändert dich. Bringt dein Herz und dein Gesicht zum Glänzen, gibt dir Ausstrahlungskraft für Gottes Liebe und Güte!

Zum Schluss:

Die Herrlichkeit Gottes, Gott selbst in seiner unverhüllten Schönheit und Majestät zu sehen, ist das Ende und Ziel aller menschlichen Wege, wie Gott es sich gedacht hat. Dorthin gelangen wird aber nur, wer dem einen offenbaren Gott unter uns, Jesus Christus, vertraut. Wer durch den Glauben an Jesus Christus Gottes Kind geworden ist, der wird einst auch vom Glauben zum Schauen kommen (2. Korinther 5,7).

Vorher aber hat Gott uns unser irdisches Leben aufgetragen mit seinen Gaben und Aufgaben, mit seinen Wegen und Irrwegen, mit allem Zweifel und Unglauben, mit allem Stress und aller Unruhe, mit aller Sehnsucht nach Ruhe, nach Glauben und Gewissheit.

Aber schon jetzt will er dich mit seinem Glanz beschenken in der Begegnung mit ihm im Gebet. Blendende Aussichten. Selbst im Dschungelcamp. Selbst im Wüstencamp. Selbst in deinem Leben.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!