Predigttext und Predigt zum 2. Weihnachtsfeiertag - 26. Dezember 2016.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 44;

Titel: O du fröhliche

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: Micha 5,1-4a (wird während der Predigt verlesen)

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Jesus kommt in Bethlehem zur Welt. Und Bethlehem kann überall sein. Denn Jesus will heute und jetzt in uns zur Welt kommen. In uns geboren werden, und dann durch uns zur Welt kommen. Hören wir heute früh auf Gottes Wort und den Abschnitt, der damals schon Jahrhunderte vorher minutiös sensationell vorausgesagt hat, was in Bethlehem passieren wird. Und sehen wir anhand Bethlehems, was auch heute bei uns am Christfest geschehen kann.


Du, Bethlehem Efratá, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei,
dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.
Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel.
Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn
und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes.
Und sie werden sicher wohnen;
denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.

Was erfahren wir über die Geburt von Jesus in Bethlehem, Jahrhunderte später, damals, und heute in uns?


1. Bethlehem ist klein

"Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei." Herodes hat es nicht gewusst - und die es gewusst haben, die haben es nicht glauben können. Bethlehem, du kleine Stadt!! Ins Kleine hinein wird Gott geboren. Wie David. Wie der siebte, der jüngste Sohn, der Schafhirte auf der Weide, den man extra holen muss, damit ihn Samuel zum König von Israel salben kann. Gott beginnt ganz klein.

O, das hat er gezeigt: mit dem Baby, mit dem Fußmarsch auf Befehl des Kaisers 120 km weit. Mit der überfüllten Herberge. Gott beginnt ganz klein.

Warum?

Zum einen, wie wir es sicher schon oft gehört haben, weil Gott die Kleinen ganz besonders wichtig sind. Gerade das, was uns klein macht in dieser Zeit, das ist Weihnachten wert. Weihnachten ist für Jesus gerade nicht so, dass man der Gefühle wegen das ganz Schwere, das mich klein hält, wegdrücken müsste. Niemand kann besser Weihnachten feiern, wie es Gott gemeint hat als der, der an diesem Tag zu weinen hat. Dessen Kraft am Ende ist. Die überlegt, wie man überhaupt in einem solchen Fall Weihnachten feiern soll.

Wie heißt es hier in Micha 5: "Indes lässt er sie noch plagen." Da ist es noch, das unverständliche Leid, das Sterben, die Mühe und der Rand der Kräfte. Das ist Bethlehem. Ganz klein, voller Schwierigkeiten. Das müssen wir nicht verdrängen an Weihnachten. Da hinein ist Gott geboren.

Aber noch eines zeigt Gott mit diesem Bethlehem: wie klein er sich machen kann. Dass ihm überhaupt keine Grenzen gesetzt sind. "… aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist." Das ist die Realität Gottes. So groß und außerhalb der Zeit ist er, dass er sich sogar in eine Krippe im Jahr sieben vor Christus legen kann, geboren von einer Jungfrau - geboren aus dem Ewigen. Wie klein kann sich der Ewige machen. Das ist seine Größe.

Der Dichter Manfred Siebald hat es in einem Lied so ausgedrückt:

"Alle schauen auf das große Tor,
denn wenn er kommt, dann kommt er sicher hier.
Nur die Dummen und die Armen stehn
verloren an der Hintertür.
Große Leute gehen durchs große Tor,
sehn keine kleinen Leute mehr.
Gott kommt nicht zur Welt durchs große Tor -
durch die Hintertür kommt er."

Und noch ein letzter Grund, warum es das Kleine ist - das kleine Bethlehem.

Das fällt uns noch einmal auf, wenn wir uns Bethlehem näher anschauen. Das kleine Tor. Das gibt es in Bethlehem. Die Tür zur Geburtskirche ist klein, niedrig, schmal. 120 x 79 cm.

Warum?

Nun, zum einen, weil Gott ganz klein gekommen ist in diese Welt - das haben wir schon gehört. Und zum anderen, weil jede und jeder, der zu dieser Tür hineinwill, sich bücken muss. Das ist Fakt. In diese Kirche ist noch keiner erhobenen Hauptes hineingegangen. Kein Papst und kein Abbas oder Netanjahu, keiner je aus irgendeiner Reisegruppe ins Heilige Land. "Tor der Demut" heißt dieses Tor.

Und das bedeutet viel. Den Zugang zu diesem Gott, den bekommt, wer sich noch von sich selbst lösen kann. Wer die Größe Gottes sucht - und nicht die eigene Größe. Wer klein wird, staunt erst recht darüber, wie klein Gott geworden ist - und doch:


2. Bethlehem ist Herrschaftsgebiet

"Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes." Der in Bethlehem geborene Herr - der ist HERR.

Schon im ersten Augenblick ist das ebenfalls ganz deutlich. Was wird da eine Schar von Engeln abkommandiert, um dieses Ereignis zu flankieren. Das ist das größte Engelaufgebot des Neuen Testaments - und da kommen sie - Weise und Hirten - und was machen sie? Anbeten! Sich diesem Baby zur Verfügung stellen, ihn als Gott und Herrscher loben und preisen. Wer nach Bethlehem kommt, muss das tun. Bethlehem ist nicht Touristenstadt, sondern Herrschaftsgebiet Gottes.

Die Hirten sagen wohl: Lasset uns sehen, aber es kam ihnen nicht auf die fotografischen Eindrücke an. Nicht auf die Erinnerungen. Sondern sie wollten ihr Leben diesem Kind ausliefern. Wenn das stimmte, dann war die Frage nach der Herrschaft über die Welt und ihr Leben endgültig geklärt.

Herr ist Jesus. Und wenn Jesus heute bei uns, in uns geboren wird, dann geht es genau darum. Mein Leben in seinen Herrschaftsbereich zu stellen. Zu bitten: Tritt ein, weide, sei der Hirte meines Lebens! Willst du das an Weihnachten - und fürs ganze Leben?

Das geschieht damals in Bethlehem, und heute, jetzt in diesem Moment kann es bei uns geschehen. Wer diesen Schritt tut, der hat die größte Sorge seines Lebens los, nämlich die Frage: wo gehöre ich hin? Ich gehöre nach Bethlehem. Dort ist Jesus in mir geboren! Das ist meine Stadt. Das ist meine Heimat. Diese Krippe dort, das bin ich. Dort hin gehört Jesus, in mein Herz.


3. Bethlehem ist Lebensmittel

"Denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein." Was für eine Verheißung! Da steckt doch pures Leben drin.

Nichts anderes ist Frieden. Nicht nur Waffenruhe. Sondern absolute Zufriedenheit, in jeder Hinsicht, zuallererst im Blick auf die zentralen Fragen meines Lebens: wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist der Sinn? Da habe ich die Nahrung für meine Fragen bekommen, dass ich sagen kann: Ich habe diesen Frieden. Jesus ist es.

Bethlehem, dort hat er ihn hergestellt. Jesus, unser Friede. Dorthin ist er gekommen. Weil er wusste, dass sein Weg von dem Ort in Bethlehem, wo er schon keinen Platz fand, bis hin zu einem Ort außerhalb Jerusalems führte. Bis ans Kreuz. Dorthin führt sein Weg, um ewigen Frieden zwischen Gott und den Menschen zu machen. Um alles, was je einmal Unfrieden gestiftet hat, auszutilgen.

Übrigens: Dass Jesus in einem Stall geboren wurde, steht nirgends in den Evangelien. Möglicherweise ist die Meinung, Jesus wäre in einem Stall geboren,
beeinflusst durch die Worte im Matthäus-Evangelium, wo es von den Weisen aus dem Morgenland heißt: "… sie … gingen in das Haus und fanden das Kindlein …" (Matthäus 2,10f). Lukas berichtet lediglich davon, dass fehlender Platz in einer Herberge dazu führte, dass Maria ihren Erstgeborenen in eine Krippe legte. Die Krippe als Futtertrog von Tieren, in Verbindung mit dem Motiv des Hauses mag die Christenheit des Westens dazu gebracht haben, den Stall als Geburtsort zu sehen.

Es gibt aber noch eine ganz andere, viel ältere Tradition. Interessanterweise spielt ja bis heute in der Ostkirche der Stall keine Rolle; die Ikonendarstellungen zeigen, ebenso wie die Hymnendichtung der frühen apostolischen Väter oder auch die liturgischen Texte der Alten Kirche die Geburt Jesu in einer Höhle. Grundlage dafür könnte eine alte frühchristliche Schrift sein, das sogenannte Protevangelium des Jakobus, eine Schrift zwar um die Zeit des Neuen Testaments entstanden, aber nicht Bestandteil des Neuen Testaments der Heiligen Schrift: "Und er [Josef] fand dort eine Höhle, führte sie [Maria] hinein …" Orthodoxe Christen stellen sich also nicht unbedingt einen Stall aus Holzbrettern vor, sondern eine Steinhöhle, in der Jesus geboren wurde.

Wenn das zutreffen sollte, gäbe es eine interessante Beziehung zwischen dem Anfang und dem Ende des irdischen Lebens von Jesus.

Vielleicht ist Jesus in einer Steinhöhle irgendwo am Rand von Bethlehem zur Welt gekommen.

Sicher aber war eine Steinhöhle am Rand Jerusalems der Ort, an dem sein Leben scheinbar zum Ende kam. Und dann ganz neu begann - und endgültig die Ewigkeit annahm.

Um dies alles für uns zu tun, dazu hat er sich in diese Welt begeben.

Bethlehem heißt auf Deutsch eigentlich wörtlich: "Brothausen" - oder "Haus des Brotes". Der Ort also, um es zu übertragen, wo Lebensmittel hergestellt werden. Wo das Brot herkommt. Gebacken, und gegeben wird. Wie dichtet Siegfried Macht, sinngemäß?

"Im Brothaus Bethlehem kein Platz. Doch vor den Toren der Stadt zerbricht der Allmächtige den Himmel wie Brot."

Zwei Gebäcksorten erinnern in dieser Zeit daran. Zum einen das weiße Brot.

Jesus, das Brot des Lebens. Gekommen. Deshalb wird der Christstollen bis heute gebacken und mit Zucker gepudert - ohne das wäre er kein Christstollen.

Und zum anderen der Lebkuchen - wie es der Name schon sagt: der Kuchen,
der alles abschatten soll, was mit dem Leben zu tun hat, das Jesus bringt. Leb = Leib = Heil, das bedeutet, er ist gebacken mit Zutaten aus der Kräuterapotheke; dazu kommt Pfeffer = im Sinne aller fremden und darum besonders kostbaren Gewürze; und die Nelken als Gewürz stehen schon früh für Leiden und Kreuzigung.

Und zum wichtigsten Weihnachtsgebäck heute wird das Abendmahlsbrot. So hat sich Christus für mich gegeben: so klein, so mächtig, so friedevoll und voller Leben. Nehmen wir's im Glauben an.

Und deshalb passen heute Weihnachten und Abendmahl so hervorragend zusammen. Jesus hat sich im Haus des Brotes dieser Welt - mir persönlich - gegeben. Und Jesus will sich wie Brot im Glauben mir - allen, die darauf vertrauen - persönlich geben.

Dieses Haus wird Brothaus. Ist Brothausen. Ist Bethlehem. Denn Bethlehem ist überall dort, wo Gott hinkommt und Jesus geboren und eingelassen wird.

Werde ich es tun?

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht gesegnete Weihnachtszeit!