Predigttext und Predigt zum Heiligabend - 24. Dezember 2016.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Lied des Tages: EG 46;

Titel: Stille Nacht

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Johannes 3,16-18 (wird während der Predigt verlesen

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Alle Jahre wieder haben Menschen mit Weihnachten Schwierigkeiten. Wie das? Dass Weihnachtszeit ist, weiß jeder, auch, warum Weihnachten ist, nämlich weil uns Jesus Christus geboren wurde. Aber warum Christus geboren werden musste, das wissen die wenigsten unter uns. Und so herrscht in dieser Beziehung bei vielen eine Weihnachtsnot, auch wenn das keiner so nennen würde und natürlich auch keiner zugeben würde …

Weihnachten, so hört man an allen Ecken und Enden, ist nicht zuerst das Fest der Geburt Christi, der Geburt des göttlichen Erlösers, sondern das Fest der Liebe - was man auch immer darunter verstehen mag. Nun ist aber Liebe bei uns ein ziemlich abgedroschener Begriff. Fast jeder Schlagertext genauso wie fast jedes aktuelle Lied aus den Charts erzählt von irgendeiner Art Liebe, und jeder stellt sich etwas anderes darunter vor. Aber eins bleibt immer gleich: Wenn Liebe wirklich Liebe ist, dann ist sie nicht auf mich selbst und meine Wünsche, sondern auf den anderen gerichtet. Echte Liebe will sich verschenken, sich dem anderen mitteilen. Und es ist auch eine Tatsache, dass es jeder Mensch nötig hat, von irgendjemandem auf solche Art und Weise geliebt zu werden.

Was wir im menschlichen Miteinander unmittelbar erfahren, das spielt sich auch, ohne dass wir es sehen können, zwischen Gott und uns ab. Und von dieser Liebesgeschichte zwischen Gott und uns Menschen mit positivem, aber auch negativem Ausgang redet Jesus in der Predigtlesung für den heutigen Heiligen Abend.

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet;
wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet,
denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.


In der Millionenstadt Tokio stromerte ein kleiner Waisenjunge frierend und bettelnd durch die winterlichen Straßen. Er spricht einen Europäer an und bittet um eine Gabe. Der nennt ihm dann eine Adresse, beschreibt ihm das Haus und sagt: "Wenn man dich fragt, was du willst, sagst du: Johannes 3, Vers 16." Der Junge wundert sich und rennt los. Unterwegs murmelt er immer wieder vor sich hin: "Johannes 3, Vers 16, Johannes 3, Vers 16, Johannes 3, Vers 16." Er findet schließlich das Haus, klopft an, und auf die Frage, was er wünsche, sagt er: "Johannes 3, Vers 16." Der Junge wird eingelassen, bekommt ein warmes Bad, neue Kleidung und ein gutes Essen. Als der Junge überglücklich das Haus verlässt, denkt er immer noch an die wunderbare Parole: "Johannes 3, Vers 16". In Gedanken versunken sieht er beim Überqueren der Straße ein Auto nicht und wird angefahren. Bewusstlos wird er ins Unfallkrankenhaus gebracht. Die Ärzte kämpfen um sein Leben. Als er wieder zu sich kommt, fragen die Schwestern nach seinem Namen. Aber er sagt nur immer wieder: "Johannes 3, Vers 16." Schließlich geben die Schwestern auf und schreiben auf die Tafel über seinem Bett: "Johannes 3, Vers 16"


Leider hat diese wahre Geschichte ein offenes Ende … Denn wie es mit dem Waisenjungen weitergegangen ist, weiß ich nicht … Dass ein Mensch den Namen "Johannes 3, Vers 16" hat, ist sicher ungewöhnlich. Aber zweifellos ist Johannes 3, Vers 16 der wohl wichtigste Vers des Neuen Testaments, ja der Bibel; er enthält das ganze Evangelium, die gute Nachricht, in einem Satz! Und selbst wenn man gar nichts aus der Bibel auswendig kann (was schade wäre!) - wenigstens diesen Vers lohnt es sich zu kennen. Ein Vers zum auswendig Lernen und inwendig Leben, Johannes 3, Vers 16: "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

Irgendwie gleicht unser Leben doch dieser kleinen, wahren Geschichte. Wir laufen durch die Straßen dieser Welt und betteln um Liebe und Freude, Vertrauen und Geborgenheit. Gott lässt uns eine wunderbare Wahrheit sagen: Wir sind geliebt, du bist geliebt. So sehr, dass Gott seinen Sohn, den einzigen, für uns dahingibt. Weihnachten denken wir daran, dass Gott Mensch wird und unser Leben teilt. Seine Liebe wird sichtbar und kommt zu uns, damit wir Menschen nicht verloren sind in Angst und Einsamkeit, in Leiden und Sorgen, in Trauer und Schmerzen. In der Liebe Gottes zu uns können wir Leben und Hoffnung wiederfinden.

Aber es wird auch in unserem Leben Situationen geben, wo wir unter die Räder kommen - Gott sei Dank nicht buchstäblich, wie es die Opfer des Anschlags auf dem Berliner Weihnachtsmarkt grausam erlitten haben, aber im übertragenen Sinne - wir kommen unter die Räder und sind vor Schmerzen und Sorge wie bewusstlos. Wir wissen nicht mehr, wer wir eigentlich sind, wozu wir da sind, wo wir Geborgenheit erfahren, Gewissheit und Vertrauen. Doch auch über unserem Leben steht "Johannes 3, Vers 16": "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." Ja, dieses Wort Jesu steht über unserem Leben, und das heißt: Du bist von Gott persönlich geliebt. Das ist eine Tatsache, unabhängig von deinem Verhalten. Wir machen uns so viele Gedanken und Sorgen, aber sie helfen nicht und zerfressen uns nur. Doch Gottes Sorge um uns wird zur Fürsorge. Sie hilft und heilt. Das Christuskind in der Krippe von Bethlehem ist Gottes Liebeserklärung an uns. Und Gottes Liebe ist kein leeres Wort, sie hat Hand und Fuß, Herz und Leben.

"O du fröhliche …", haben wir heute Nachmittag im Familiengottesdienst gesungen, und morgen und übermorgen werden wir auch wieder singen. Dieses Lied bringen in knapper Zusammenfassung das, was in unserem Bibelwort drinsteckt. Einmal: "Welt ging verloren, Christ ist geboren", und zum anderen: "Christ ist erschienen, uns zu versühnen."

Wir heute Abend stehen also - jeder für sich persönlich - im Lichtschein dieser Geburt des Gottessohnes. Und es ist die Frage, was jeder einzelne von euch damit anfängt. Denn (und damit zitiere ich Martin Luther): "Christus ist zwar in Bethlehem geboren, aber er ist MIR geschenkt."

"Also das heißt: So sehr hat Gott die Welt geliebt …" Verstehst du das? Also ich nicht. Dass Gott die Welt und die Menschen mit ihrer Schuld und Gottesverachtung liebt, ist schlichtweg unlogisch und mit dem Verstand nicht zu begreifen. Noch mal Martin Luther: "Ich (der Mensch Luther) wünschte der Welt das höllische Feuer, und sonderlich täte ich das, wenn ich Gott wäre, der die Welt inwendig und auswendig kennet und weiß, was die Welt ist. Das täte ich. Aber was tut Gott? Er hat die Welt lieb." Nehmen wir es also hin und freuen uns daran. Die Bibel bestätigt, dass Gott uns liebt, erklärt es aber nicht. Das ähnelt übrigens ganz dem Wesen der Liebe überhaupt, dass sie nicht logisch zu erklären ist. Warum nun ein Mann zum Beispiel sich ausgerechnet in diese Frau verliebt, wo die beiden doch nach Meinung der anderen so zusammenpassen wie die Faust aufs Auge.

Gott liebt diese gottlose, kaputte, heillose, gewalt-, krieg- und terrorverseuchte … Welt - aber nicht "irgendwie" und als ganzes. Sondern ganz konkret. Jeden einzelnen und jede einzelne. Und damit liebt er auch dich und mich. Und seine Liebe ereignet sich konkret und leibhaftig in Jesus Christus. Und deswegen schenken wir uns ja auch etwas zu Weihnachten aus Freude über das Gottesgeschenk.

Doch - und hier muss ich gleich ein Missverständnis abwehren - Gott ist kein Güterzug, wie es mal einer ausdrückte, sondern ein Personenzug. Damit ist folgendes gemeint: Gott hat uns lieb. Aber seine Liebe kann man nicht an Geschenken ablesen, genauso wenig wie menschliche Liebe.

Ja, oft ist es so, dass die Kinder, die alles haben und immer alles bekommen, am wenigsten geliebt werden. Denn viele Geschenke sind oft nur Entschuldigungen für Liebesmangel, weil zum Beispiel beide Elternteile arbeiten und keine Zeit mehr für das Kind und seine Interessen und Bedürfnisse haben.

Das heißt aber auch: Die Liebe Gottes in unserem Leben können wir nicht daran ablesen, wie gesund, wie reich oder wie erfolgreich wir sind. Gott ist kein Güterzug, der für uns Menschen nur dann interessant ist, wenn er sich als Lieferant von allerlei Wünschenswertem nützlich macht. Anders gesagt: Gott ist kein Weihnachtsmann. Kinder wünschen sich so viel zu Weihnachten; manchmal entsprechen ihre Wunschzettel ungefähr den Inventarlisten eines mittleren Spielwarenkonzerns. Und wenn dann zu Weihnachten nur etwas anderes unterm Baum steht, dann gibt's Tränen, und der Weihnachtsmann war nicht lieb …

Wir schmunzeln vielleicht über die Kinder. Aber wir Erwachsenen sind doch kein bisschen anders. Auch wir schreiben Wunschlisten an Gott: Das Kind muss gesund, das Examen bestanden werden; die Mutter darf nicht sterben, wir wollen unsere Depressionen und Abhängigkeiten verlieren. Aber wenn das alles nicht eintritt, ja dann gibt's nicht nur Tränen, dann werden Fäuste geballt, nach dem Motto: Wie kann Gott das nur alles zulassen, er ist doch schließlich der liebe Gott?

Liebe Gemeinde! Der lebendige heilige Gott ist kein Weihnachtsmann! Falls ihr es vergessen haben solltet. Er ist nicht der Erfüller unserer Wünsche. Wahre Liebe erweist sich überhaupt nicht in Wunscherfüllung, sondern darin, wie sehr wir zum Opfer bereit sind. Und Gott war zu seinem allergrößten Opfer bereit, denn er gab seinen Sohn. Gott ist also kein Güterzug von Wunscherfüllungen, sondern er ist vergleichbar mit einem Personenzug. Ihm liegt an jedem von uns persönlich. Wir sind ihm wichtig, und er möchte nicht ohne uns sein.

Doch wir Menschen leben oft, als gäbe es keinen Gott. Wir reden nicht mit ihm, danken ihm nicht, bringen ihm keine Zuneigung, kein Vertrauen und keinen Gehorsam entgegen. Und Gott? Er hört nicht auf, diese Welt zu lieben. Er gibt sich selbst in seinem Sohn, er zahlt den Höchstpreis für diese Welt und uns. Gottes Liebe wird an Weihnachten sichtbar. Aber nun müssen wir wählen.

"Alle Menschen haben gesündigt und das Leben in der Herrlichkeit Gottes verloren" (Römer 3,23 NLB). Verloren sind wir alle - das ist der Grundzustand.

Wir gleichen Menschen, die auf dem Meer Schiffbruch erlitten haben und im Wasser treiben. Ihr Ertrinken ist nur eine Frage der Zeit, wenn die Kräfte nachlassen und die Unterkühlung einsetzt … Wie tragisch das enden kann, wissen wir … 5.000 Menschen, die in Booten auf der sog. Mittelmeerroute flüchteten, ertranken allein im zu Ende gehenden Jahr 2016 - das Mittelmeer, ein Massengrab von tausenden …

Jesus redet Klartext. Am Ende, wenn Gott Gericht halten wird, gibt es einen doppelten Ausgang. Einer davon wird unserer sein.

Wir können in der Verlorenheit stecken bleiben, für immer und ewig.

Wir können uns aber auch durch dieses Kind "in Bethlehems Stall" retten und auch heilen lassen.

Entweder Licht oder Finsternis, einen Zwischenort gibt es nicht. Genau das meint Jesus hier, wenn er sagt: "Wer nicht glaubt (bzw. wer nicht glauben will), der ist schon gerichtet." Gott zwingt uns nicht zu unserem Glück.

Gott bietet uns all das an, was wir zum Leben brauchen. Er wirft uns sozusagen den Rettungsring hin. Aber wer nicht will und meint, er schaffe es allein und brauche diesen Rettungsring nicht zu ergreifen, der soll sich dann auch nicht wundern, wenn er untergeht. Denn wir können uns nicht selbst aus der Seenot auf dem Meer herausretten. Da muss ein Retter kommen. Und den gibt es! Seine Geburt feiern wir heute.

Weihnachten zeigt uns: Gott möchte jeden retten, der sich retten lassen will. "Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet", sagt Jesus, weil sich solch ein Mensch für seinen eigenen Untergang entschieden hat. Glaube und Unglaube sind zwar keine Leistungen, aber verantwortliche Taten, in denen zutage tritt, wie wir uns entschieden haben.

Und gerade heute wird ja wieder Gottes Botschaft besonders eindringlich, so wie wir sie auch in der Weihnachtsgeschichte gehört haben: "Euch ist heute der Heiland geboren."

Ich sage es mal konkreter: Dir, der du hier bist, ist heute der Heiland geboren. Nimm es an, glaube an ihn, vertraue ihm dein Leben an. Lass dich aus dem Meer deiner Schuld und Verlorenheit herausholen, das dich von Gott trennt! Lass dich retten! "Christ, der Retter, ist da", heißt es in dem Lied "Stille Nacht". Nun ergreife auch den Rettungsring Gottes! Sprich mit Gott und sage ihm: "Herr, rette mich! Stelle mich auf den sicheren Grund deiner Liebe! Ich vertraue dir mein Leben an."

Denn eins ist sicher: Gott hat sich für uns entschieden. Niemand kann Jesus mehr daran hindern, Weihnachten geboren zu werden und für uns Menschen den Versöhnungstod zu sterben. Das ist bereits geschehen.

Heute, am Heiligen Abend wird deutlich: Gott hat gewählt.

Jetzt bist du dran.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht gesegnete Weihnachten!