Predigttext und Predigt zum 4. Advent - 18. Dezember 2016.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 9;

Titel: Nun jauchzet, all ihr Frommen

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Lukas 1,26-38

Zu der Zeit wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach:
Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!
Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden;
und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit,
und sein Reich wird kein Ende haben.
Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.
Und der Engel schied von ihr.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

( Das "Setting" - V. 26-27 )

In Israel, in Galiläa, westlich des Sees Genezareth, in einer fruchtbaren Hochebene, die eine ertragreiche Landwirtschaft ermöglichte, liegt das Städtchen Nazareth. Es ist ein Ort ohne nennenswertes religiöses oder sonstiges Ansehen. "Was kann aus Nazareth Gutes kommen?", fragte ein Zeitgenosse (Johannes 1,46). Nazareth wird in der Literatur vor dem Neuen Testament nicht erwähnt, dazu war der Ort im Grenzgebiet zu den nichtjüdischen Nachbarvölkern, den "Heiden", schlicht zu unbedeutend.

Selbst in abgelegenen Dörfern kann etwas geschehen, was wichtig ist. Kein Ort, kein Haus ist zu abgelegen - Gott kommt. Auch zu dir, wo auch immer du bist. Er beginnt mit dir einen Weg. Auf diesem Weg schenkt dir Gott ungeheuer viel und unverdient Gutes.


( Die Personen )


In dem Haus in Nazareth finden wir die junge Frau namens Maria. Sie ist verlobt mit Josef, einem Zimmermann. Er weist einen Stammbaum bis zu König David auf. Die beiden, das muss für den heutigen Leser gesagt werden, haben noch nicht miteinander geschlafen. Damals war es unüblich, vor der Ehe miteinander zu schlafen. Dass dieses Detail erwähnt wird, ja dass es deutlich herausgestellt wird, hängt mit dem weiteren Verlauf der Geschichte zusammen.

Bleiben wir zunächst bei dieser Feststellung: Maria ist noch Jungfrau (V. 27). Sie selbst wird gleich sagen: "Ich weiß von keinem Mann" (V. 34). Dem Josef wird parallel gesagt, dass Maria nicht von einem Mann schwanger wurde (Matthäus 1,23). Und "er erkannte sie nicht, bis sie ihren erstgeborenen Sohn geboren hatte" (Matthäus 1,25).

An beiden Stellen steht übrigens im Urtext dasselbe griechische Wort: ginóskein, die griechische Wiedergabe des hebräischen jadá. Eine der vielen Bedeutungen dieses Wortes lautet "miteinander schlafen". Denn dieses wirkliche Erkennen des Partners setzt die Ehe voraus, die verbindliche Zusammengehörigkeit, also das Versprechen, in Liebe und Treue ein Leben lang zusammenzubleiben.

Weil Josef sich nicht von Maria trennt, nahm er die Vaterrolle für Jesus ein, und Jesus "wurde gehalten für einen Sohn Josefs" (Lukas 3,23).

Ja, wie ist Marias Sohn dann entstanden? In unserem Glaubensbekenntnis sagen wir: "empfangen durch den Heiligen Geist". In der Bibel sagt der Engel: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten" (V. 35). Wir lesen auch: Maria wurde, "ehe sie zusammengekommen waren, schwanger erfunden von dem Heiligen Geist." (Matthäus 1,18). "Das in ihr [Maria] Gezeugte ist von dem Heiligen Geist" (Matthäus 1,20).

Dieses Detail ist wichtig, obwohl es ein unerforschliches Geheimnis darstellt. Es ist wichtig, denn das Kind wird "Sohn des Höchsten genannt werden" (V. 32).

Marias Kind, das Kind der Jungfrau, gezeugt vom Heiligen Geist, wird "Gottes Sohn" sein (V. 35). Das sollen wir Leser von Anfang an wissen: Jesus wird nicht erst so bedeutend, dass man ihn Gottes Sohn nennt, weil er so viel Außergewöhnliches tat und so vorbildlich lehrte und lebte. Er ist Gottes Sohn, von Anfang an, weil er von Gott kommt.

Neben Maria tritt eine weitere Person auf. Ein Engel, der sonst vor Gott steht. Gabriel heißt er. Sechs Monate zuvor hat er dem betagten Zacharias und seiner Frau Elisabeth die Geburt eines ersehnten Kindes prophezeit. Johannes sollte dieser Sohn einmal heißen. Nun tritt er bei Maria ein.


( Der Gruß )

Ich habe ja durchaus schon ganz erstaunliche Grußformulierungen gehört, ob im wirklichen Leben oder in Filmen. Von "Hey, Alter, wie läuft's?" bis "Guten Tag, Verehrteste" war da so ziemlich alles dabei …

Der Gruß des Engels an Maria reiht sich hier ein. Vielleicht klingt er etwas schwülstig, aber er hat's in sich: "Freu dich [chaire!], Begnadete." Egal wie's klingt, der Engel redet Maria so an, wie sie im Himmel gesehen wird. Sie ist reichlich mit Gnade überschüttet. Die Gnade Gottes, also das, was er uns schenkt, weil er uns liebt, die Gnade, die sie empfängt und annimmt, die Gnade allein macht Marias "Wert" vor Gott aus. Nur wer eine Begnadigte, ein Begnadigter ist, kann von Gott zu seinen hohen Aufträgen und Aufgaben gebraucht werden.

Und Gottes Gnade ist noch mehr. Sie bedeutet: "Der Herr ist mit dir." Das ist gut zu wissen. Denn wenn die besondere Stunde der Berufung vorüber ist, wenn der Engel wieder verschwunden ist, kann die oder der Begnadigte ihrer Berufung nur treu bleiben, wenn Gott weiter da ist und mitgeht. -

Übrigens: Jesus Christus hat seine Nachfolgern, also denen, die mit ihm unterwegs sind, aus Gnade selig gemacht und ihnen zugesagt: "Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt" (Matthäus 28,20).

Der ungewöhnliche und bedeutungsschwere Gruß, mit dem der Engel plötzlich in ihr Leben trat, lässt Maria erschrecken. Bei so einem überraschenden Engelsgruß kann man nicht distanziert bleiben. Maria muss den ersten Schreck überwinden, und ihre Gedanken versuchen die Situation zu fassen. Ist das jetzt echt? Woher und wozu kommt der? Meint er mit seiner Anrede überhaupt mich?

( Die Botschaft )


Und das ist ja erst der Anfang. Nun legt der Bote Gottes erst richtig los. Er hat eine Botschaft zu bringen. Eine Botschaft an Maria. Und sie enthält schon viel über das angekündigte Kind.

Zunächst beruhigt Gabriel: "Fürchte dich nicht. Du hast ja Gnade bei Gott gefunden." Entdecken wir daran noch etwas Besonderes? Ich weiß ja, dass Gottes Engel es gut meinen. Ich weiß auch, dass Gottes Gnade uns sucht und findet. Aber dass sie so konkret werden kann! Gottes Gnade ist nicht nur unsichtbar und geistlich! Sie zeigt sich in unserem Leben so, dass man's sehen kann. Maria wird länger als neun Monate an diese Gnadenzusage denken. Die Botschaft an Maria ist nie zuvor und nie danach einem sterblichen Menschen so gesagt worden. Und doch muss diese Botschaft jedem Menschen, jedem Einzelnen von uns, im Herzen aufgehen. Oder wie es in alten Texten heißt: Jesus muss in deinem Herzen geboren werden.

Denn Gottes Gnade hat mit Jesus zu tun. So, sagt der Engel, soll sie ihren Sohn einmal nennen. Jesus, das heißt: Gott rettet. Auf Jesus hin konzentriert sich dieses Gespräch zwischen Gabriel und Maria. Auf Jesus hin konzentriert sich Gottes Eingreifen in die Welt. Über Jesus zeigt Gabriel gleich hier bei der ersten Nennung dieses Namens einige wichtige Perspektiven.

Jesus wird groß sein. Der Engel meint mehr als einen herausragenden und bedeutenden Menschen. - Bei seinem letzten Einsatz bescheinigte Gabriel dem Zacharias und der Elisabeth: Ihr Sohn "wird groß sein vor dem Herrn" (V. 15). Das wird hier überboten. Jesus wird größer sein. Er wird "Sohn des Höchsten", "Sohn Gottes" genannt werden. Er ist Gott, der zu uns Menschen kommt. Gott, der Mensch wird.

Als Mensch gehört er über seinen Stiefvater Josef in die Nachkommenschaft des Königs David. Dem hat Gott eine große Perspektive gegeben. Die Juden nennen das die Verheißung des Messias. Einen " Spross" Davids, der Gottes Herrschaft mustergültig repräsentieren wird. Der Engel sagt: Jesus wird das erfüllen.

Gott wird ihm "den Thron seines Vaters David geben". Und das wird keine "Eintagsfliege " sein. Jesus "wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben".

Es wird eine spannende Geschichte werden, wie Jesus das verwirklicht. Nicht so gradlinig, wie vielleicht zunächst vermutet. Jesus wird missverstanden. Er wird abgelehnt. Er wird aus dem Weg geschafft, weil er so wenig den Vorstellungen entspricht. - Er wird dann aber durch die Kraft des Geistes Gottes vom Tod erweckt. Ihm ist die Macht übertragen, die ihm als Sohn Gottes zusteht (vgl. Römer 1,4). Seine Herrschaft ist nicht von dieser Welt. Dennoch wird sie in dieser Welt niemals aufhören.

Gott ist gnädig. Wir brauchen nicht zu warten, bis sein Reich vollendet ist. Er lädt uns jetzt schon in dieses Reich ein. Maria wird eingeladen. Sie sagt ja zur Gnade Gottes. Sie hilft damit, dass Gottes Reich durch Jesus in unsere Welt kommt. - Jede und jeder, der heute ja sagt zu der Gnade, die in Jesus Christus erschienen ist, kommt in Gottes Reich und gehört dazu, dass Gottes Reich weiter in diese Welt kommt.
( Der Plot entwickelt sich weiter )

Mit der Botschaft des Engels über Jesus ist das Ziel aufgeleuchtet. Wie aber kann es erreicht werden? Schon der erste Schritt scheint unmöglich. "Wie soll das zugehen?", fragt Maria. " Wie soll ich schwanger werden, wenn ich doch noch mit keinem Mann geschlafen habe?" Gabriel, der Engel, der vor Gott steht, teilt das unbeschreibliche und unerklärliche Wirken Gottes mit: "Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten" (V. 35).

Es wird nicht erklärt, wie Jesus, Gottes Sohn, in unsere Welt hineinkommt. Es kann auch nach 2000 Jahren Theologisierens und Philosophierens nicht erklärt werden. Am Anfang des Handelns Gottes durch Jesus wirkt Gott hinein in die Schöpfung. Das tut er dann auch am Ende des irdischen Lebens von Jesus. Empfängnis durch den Heiligen Geist und Auferstehung von den Toten sind nicht erklärbar. Doch Gott ist nichts unmöglich.

Maria erhält einen Hinweis, der ihr Vertrauen aufbauen soll. Ihre Verwandte Elisabeth, die über die Zeit des Kinderkriegens hinaus ist, ist schon im sechsten Monat schwanger. Gott hat sich ihr gnädig gezeigt und ihren Wunsch erfüllt. Dort ist eine zwar späte, aber doch natürliche Schwangerschaft. Hier ist sie übernatürlich.

Letztlich bleibt Maria und uns nur der Verweis auf die souveräne Allmacht Gottes. Ihm ist nichts unmöglich.

An dieser Stelle könnten wir die Geschichte verlassen. Sie übersteigt ja unseren Realitätssinn. -

Es bleiben noch zwei Fragen.

Erstens: Traue ich Gott so ein Handeln zu? Kann er so handeln? Will er so handeln? Diese Frage kann ich nicht für dich beantworten. Ich jedenfalls glaube an Gott, den Allmächtigen …

Zweitens: Wie kann sich der allmächtige Gott dermaßen abhängig machen von einem Menschen? Er sucht das Ja Marias. Er stülpt ihr und überhaupt uns Menschen seine Gnade und sein Heil nicht einfach über. Maria sagt ja: "Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast." Maria war vertraut mit der Heiligen Schrift. Das zeigen die Zitate in ihrem Lobgesang. Sie wusste aber auch zu gut, was auf dem Spiel stand: ihr guter Ruf, ihre Ehre, ihre Ehe, die erst noch beginnen sollte. - Sie sagte ja.

Diese Frage trifft mich noch mehr als die nach der Allmacht Gottes. Dort geht's "nur" um die Grenzen meines Verstandes. Hier geht's um mein ganzes Leben.

Wenn einiges auf dem Spiel steht - sage ich dann immer noch ja zu Gott? Maria sagt voller Vertrauen und Hoffnung ja. Sie vertraut dem, der zu ihr kommt und sie berufen hat. Sie vertraut dem Gott, der gnädig ist.

Und ich?

Und du?

Sagen wir ja, wenn Gott uns heute grüßt? Und wenn's auch kein mächtiger Engel ist, sondern vielleicht nur ein Mensch, der dir dies in seinem Namen zusagt, vielleicht nur diese Predigt, die dir zusagt: Der Herr ist mit dir. Du brauchst dich nicht zu fürchten, denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Seine Gnade bleibt, auch wenn der Engel längst verschwunden ist.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Vorweihnachtswoche!