Predigttext und zum 1. Advent - 27. November 2016.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 1;

Titel: Macht hoch die Tür

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: Jeremia 23, 5 - 8 (wird während der Predigt verlesen)

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Der Pfarrer und der Rabbi waren Freunde geworden. Oft trafen sie sich, um die Fragen des jüdischen und christlichen Glaubens zu diskutieren. Am meisten bissen sie sich fest: "War Jesus der Messias, der kommen sollte?" Wieder einmal bestand der Pfarrer darauf: "Jesus ist der Christus, der Messias, also der, den Gott geschickt hat!" Da schwieg der Rabbi, trat ans Fenster und öffnete es, schaute einige Zeit hinaus, drehte sich zu seinem Gesprächspartner um und sagte: "Aber es hat sich nichts geändert!"

Der Rabbi hätte unsere Vorweihnachtszeit kennenlernen sollen. Was wir alles auffahren und veranstalten, um das Fest der Geburt von Jesus herum. Weihnachtsmärkte über und über … Es gibt keine anderen Wochen im Jahr, die mit so viel Festgenuss gefüllt sind wie die vorweihnachtliche Adventszeit. Die Geburt von Jesus von Nazareth wird in unserer Kultur mit großem Aufwand und Engagement gefeiert. Es hat sich etwas geändert, seit Jesus geboren wurde und gelebt hat.

Doch wahrscheinlich wollte der Rabbi nicht sehen, wie viel wir feiern. Er wusste: Wenn der Messias kommt, muss sich ändern, wie wir miteinander umgehen, wie wir Gott mit unserem Leben ehren, wie den Armen geholfen wird, wie die Kranken gesund werden, wie das Böse verschwindet aus den Herzen und von den Straßen, wie Gottes Geist aus den Augen der Menschen leuchtet.

Davon hat der Rabbi nichts gesehen, als er sein Fenster öffnete. Eine heile Welt Gottes - ein unerfüllbarer Wunschtraum?

Auch die Propheten des Alten Testamentes haben immer wieder ein Fenster geöffnet und hinausgeschaut. Doch nicht Fenster, durch die man auf die erschreckende Wirklichkeit unserer Menschheit blickt, auf böse Gewalt, Lüge und Zerstörung.

Die Fenster, durch die die Propheten blicken, sind Adventsfenster, hinter denen sich der Blick öffnet für das gewaltige Neue, das Gott schafft. Ein solches Fenster öffnet uns auch der Prophet Jeremia:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will.
Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein,
mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, daß man nicht mehr sagen wird:
»So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und
hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.
« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

1. Der Blick durchs Adventsfenster: Er kommt.

Schauen wir hinaus durch das Adventsfenster und sehen wir: Da ist der König. Es ist der, den Gott beruft und bevollmächtigt. Er ist der, an dem das Versprechen Gottes an David wahr wird: "Sein Thron soll ewiglich bestehen" (2. Samuel 7,16). Er ist der König, der wohl regiert.

Ja, auch wir Christen warten noch darauf, dass dies geschieht. Darin könnten sich Pfarrer und Rabbi einigen: "Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen" (EG 152). Der Blick aus dem Adventsfenster zeigt uns eine andere Welt, als wir sie Tag für Tag sehen.

Auch Jeremia kannte zu seinen Lebzeiten das erschreckend Böse und Unmenschliche. Er klagt und klagt an: Ein Gottesvolk, das Gott verloren hat (Kap. 2,13). Eine Kultur der Lüge und des Betruges (Kap. 5,1). Fromme, die alltäglich gottlos leben (Kap. 7,3). Ein Könighaus, das sich gnadenlos auf Kosten der Ärmeren bereichert (Kap. 22,13).

Aller äußere Schein der Vorweihnachtszeit kann nicht verbergen, wie viel Leidvolles und Ungnädiges in den Adventswochen geschieht.

Die Antwort auf die Schreckensnachrichten kann nicht heißen: mehr feiern, mehr genießen, sondern: hinausblicken aus dem Adventsfenster auf den König, den Gott kommen lässt.

Er kommt! Das ist Advent. Advent ist mehr als Vorweihnachtszeit. Advent heißt, sich auf die Zeit zu freuen, in der das Leid überwunden, das Böse besiegt ist und Christus regiert. Darin unterscheiden wir uns von einem Juden. Wir sind überzeugt: Der kommende König der Herrlichkeit ist schon einmal gekommen. Sein erstes Kommen war ein Kommen, um zu dienen, zu versöhnen, zu leiden und zu sterben. Er war der Knecht Gottes, der wegen unserer Missetat verwundet und unserer Sünde zerschlagen wurde. Er war der König, der zur Hilfe kam, demütig und reitend auf einem Esel.

Wir warten nicht nur auf ihn, wir schauen zurück auf alles, was er zur Rettung getan hat. Jesus aus Nazareth, aus der verzweigten Nachkommenschaft Davids, ist der von Gott bevollmächtigte und vom Geist gesalbte Messias, der kommen sollte. Ja, er kommt - aber auch: Er ist schon gekommen.


2. Der Blick durchs Adventsfenster: Er schafft Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit ist, wenn alles im Lot ist. Dann ist alles an seinem Platz, dann ist Friede, dann muss keiner dem andern etwas streitig machen. Liebe und Frieden und Freundlichkeit herrschen, wo die Gerechtigkeit wohnt. Gerechtigkeit fügt uns Menschen in geklärten Beziehungen zueinander. Hier wird einer dem andern Helfer und Freund. Hier gönnen wir dem anderen, was ihm zusteht.

Wenn Bundespräsident, Bundeskanzler und die Minister ihren Amtseid ablegen: "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe", dann verpflichten sie sich auf Gerechtigkeit. Dennoch bleibt ihr Wirken bruchstückhaft. Und andere mit Einfluss in Medien, Wirtschaft, Geldwirtschaft, Wissenschaft schwören keinen Amtseid. Wen wundert's, wie sehr unsere Welt nach Gerechtigkeit dürstet?!

Gerechtigkeit lässt sich nicht von außen her durchsetzen. Damit wir gerecht miteinander leben, braucht es die Verwandlung der Herzen. Und so ist der König Gottes gekommen, um das Grundsätzliche herbeizuführen. Er versöhnt uns mit dem Vater. Er bringt ins Lot, was durch unsere Schuld zerbrochen ist. Erst wird uns vergeben, kommen wir mit Gott ins Reine, werden wir durch Gottes Wunder im Herzen erneuert. Erst macht er uns zu einer neuen Kreatur in der Verbundenheit mit ihm. Dann beginnt er, Gerechtigkeit in der Welt zu säen.

"Was tut Gott gegen die Kriege?", fragen Jugendliche in der Schule. Was könnte die Antwort sein? Vielleicht so ähnlich wie: "Gott lehrt uns durch Jesus, wie wir dem Frieden dienen sollen. Dann erneuert uns Jesus, dass wir friedenswillig und friedensfähig werden. Schließlich sendet Jesus uns zu den Menschen, um unseren Beitrag zum Frieden zu leisten. Was wir in seinem Auftrag tun und was wir erreichen, ist ein Vorzeichen für die neue Welt, die kommen wird."

Es ist ein Dreiklang, der uns auf den Weg der Gerechtigkeit bringt.

1. Jesus macht uns gerecht vor Gott aus Gnade durch Glauben. -

2. Jesus sendet uns als seine Boten unter die Menschen, um durch Wort und Tat Gerechtigkeit aufscheinen zu lassen. Heute wird die neue Aktion "Brot für die Welt" - hoffen und beten wir, dass sie ein kleiner Beitrag zu größerer Gerechtigkeit zwischen uns Menschen auf der Erde sein kann. Aber vergessen wir nicht, dass Menschen nicht vom Brot allein leben; das macht nur den Körper satt. Aber unsere Seele braucht auch Nahrung: Gottes Wort! Deshalb kann unser Motto als Christen nur lauten: "Gottes Wort, nicht Brot allein!" -

3. Wir freuen uns auf Jesu Kommen als König: "Der Herr ist unsere Gerechtigkeit." Das ist der Name, den der Prophet Jeremia dem Volk offenbart. Denn bis zum jüngsten Tag leiden wir unter Ungerechtigkeit und der Bruchstückhaftigkeit dessen, was wir Menschen zur Gerechtigkeit beitragen können. Er wird vollenden, was er mit uns begonnen hat.


3. Der Blick durchs Adventsfenster: Er bringt sein Volk zum Frieden.

Gottes Volk im Frieden? Das Gegenteil hatte Jeremia vor Augen. Die zehn Stämme des Nordreiches waren durch die Assyrer in alle Welt zerstreut. Die führenden Familien aus dem Südreich Juda waren von den Babyloniern verschleppt worden. Es drohte die nächste Verbannungswelle und der Untergang Judas, Jerusalems und des Tempels. Jeremia erlebt mit eigenen Augen, wie alles zu Ende geht. Wie kann er da noch glauben, hoffen und predigen?

Jeremia blickt durchs Adventsfenster: Dort sieht er Israel und Juda in Sicherheit und Frieden. Die Verbannten und Heimatlosen werden zurückgebracht in das von Gott verheißene Land. Nun sind sie Menschen, die sorglos schlafen, weil weder wilde Tiere noch gewalttätige Menschen ihren Schlaf bedrohen. Nun wird das Leben ohne Mauern, ohne Videoüberwachung, ohne Schreckschusspistolen, ohne Schutztruppen wahr. Nun ist der Schalom geworden, den man Jerusalem gewünscht hat (Psalm 122,6).

Im Jahr 1948 ist der Staat Israel im Gebiet des verheißenen Landes entstanden. Die Zuwanderungsbewegung aus allen Teilen der Welt hat den Namen "Herausführung", Alija, erhalten. Viele sehen in dieser Zuwanderungsbewegung die Erfüllung des Prophetenwortes. Nur: "sicher wohnt" die Bevölkerung des Staates Israel noch nicht.

So geht unser Blick als Christen weit über den Staat Israel und über die Rückführung der Juden hinaus. Wir sehen, wie der kommende König der Gerechtigkeit Menschen aus allen Völkern, Nationen, Sprachen sammelt - in ihrer Mitte die Nachkommen Jakobs - und eine neue Zeit und eine neue Welt beginnt, in welcher Gerechtigkeit wohnt. Der Herr sagt: "Siehe, ich mache alles neu!" Gott wird bei den Seinen wohnen, "… und sie werden sein Volk sein" (Offenbarung 21,3).

Johann Hinrich Wicherns Adventskranz, erstmalig 1839 (vor 177 Jahren) im Rauhen Haus aufgestellt, ist bis heute die Botschaft des Sieges von Jesus.

Auch der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann (1899-1976) war ein adventlicher Mensch. Am Ende des Evangelischen Kirchentages 1950 in Essen fasste er seine Hoffnung in die berühmt gewordenen Worte: "Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt" (EG, S. 294).

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Adventszeit!