14. "Leben live"-Gottesdienst, 27. November2004
Der Gottesdienst wurde vorbereitet vom Gottesdienstteam. Die Predigt hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984.
© 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Themenpredigt: "... da habe ich dich getragen"


Es gilt das gesprochene Wort!

Schauen wir uns das Bild doch einmal genau an.

Ein Stück ebener, glatter Strand ist da zu sehen. Solche Zeiten gibt es manchmal im Leben: Eben und glatt, alles läuft wie am Schnürchen. Hoffentlich ist es für dich oft so, das wünschen wir uns. Alles soll perfekt zusammenpassen, kein Steinchen den Weg trüben. Aber im Hintergrund, da, wo die Spuren herkommen, da sieht man auch anderes. Kleine Findlinge zuerst, Steine, die halt ein bisschen im Weg rumliegen, aber um die man herumgehen kann. Doch weiter hinten: Richtige hohe Felsen, Wellen, die sich an ihnen brechen. Ein steiler, beschwerlicher Weg. Ein Weg, den wir lieber vergessen, verdrängen möchten - aber oft geht das einfach doch nicht.

Bestimmt kennst du das aus deinem Leben: Diese steilen, beschwerlichen Wege. Die Punkte, an denen man einen Moment meint, man kommt nicht weiter. Die Stellen, an denen man vielleicht sogar einmal umkehren und ein Stück zurücklaufen muss, einen neuen Weg einschlagen muss, sich neu orientieren muss. Die Entscheidungen, vor denen man manchmal steht: Wähle ich den schwereren, aber vielversprechenderen Weg? Oder den einfachen, geraden? Die Punkte, an denen ich fast verzweifle: Geht es überhaupt noch weiter? Oder sollte ich nicht einfach lieber gleich aufgeben, mich hinsetzen, so tun, als wäre mein Leben hier zu Ende?

Wer ist da mit mir unterwegs? Es wäre sehr gut und tröstlich, zu wissen, dass mich da einer begleitet. Aber dieser Gott, von dem wir immer erzählen, der macht sich halt doch oft sehr sehr unsichtbar und unfühlbar. Und gerade dann, wenn's mir schlecht geht, dann scheint er nicht da zu sein.

Er könnte doch wirklich manchmal ein paar von den ganz großen Brocken aus dem Weg räumen, so finden wir. Ist Gott denn nicht allmächtig? Kann er denn solche wirklich schlimmen Dinge nicht verhindern, wie sie jeden Tag passieren? So etwas wie den Kriege oder Terroranschläge. Oder der fünfjährige Pascal aus Saarbrücken, dessen Leiche bis heute nicht gefunden wurde. Oder der 35-jährige Familienvater, der an Krebs stirbt. [Zeit zum eigenen Nachdenken]

Aber es müssen gar nicht unbedingt diese ganz großen Dinge sein. Ihr kennt sicher genug von diesen kleinen Momenten, wo man sich fragt: "Gott, hättest du das nicht verhindern können? Hättest du da nicht eingreifen können?"

Wo ist dieser Gott, wenn es doch so offenbar den Anschein hat, als würde er gar nichts bewirken in dieser Welt? Oder anders gefragt: Was ist das für einer? Ein alter griechischer Philosoph hat mal gesagt: Wenn Gott die Übel in der Welt nicht beseitigen kann, ist er nicht allmächtig und damit nicht Gott. Und wenn er sie bloß nicht beseitigen will - was ist er dann für ein Gott?

Greift da die schöne Geschichte von den Spuren im Sand nicht viel zu kurz?

Bevor wir darauf eingehen, müssen wir uns zunächst klar machen, dass Leiden nicht der ursprünglichen Absicht Gottes entspricht. Das Paradies am Anfang der Welt war ebenso frei von jeder Art von Leid, wie es auch das Paradies ist, das die erwartet, die ihr Vertrauen in diesem Leben auf Jesus setzen. Gleich zweimal haben wir in den letzten zwei Monaten diesen wunderschönen Vers aus der Offenbarung des Johannes als Predigttext gehört: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen" (Offenbarung 21,4). Dass hier, Tod, Leid und Geschrei in einem Atemzug genannt werden, ist kein Zufall. Denn Leid und Geschrei sind Vorboten des Todes. Und der Tod kam dadurch in diese Welt, weil sich der Mensch von Gott abgewandt hat und ohne ihn leben wollte. Paulus sagt das im Römerbrief: "Die Sünde wird mit dem Tod bezahlt"; aber das ist Gott sei Dank nicht das letzte Wort, vielmehr geht der Vers weiter: "Gott aber schenkt uns in der Gemeinschaft mit Jesus Christus, unserem Herrn, das ewige Leben, das schon jetzt beginnt und niemals aufhören wird" (6,23).

Klar ist auch, dass Tod, Leid und Schmerz eine Folge der Sünde ist, die in eine paradiesische Welt eingebrochen ist. Das ist eine grundsätzliche und allgemeine Tatsache. Keinesfalls darf deshalb Leiden eines Einzelnen in eine unmittelbare Verbindung mit einzelnen Sünden gebracht werden. Niemals ist Leiderfahrung immer und in jedem einzelnen Fall die automatische Folge eines Fehlverhaltens. Niemals dürfen wir den Zusammenhang von Schuld und Leid als einen Mechanismus missverstehen. Wir machen das Leben entsetzlich vordergründig und Gott zu einem primitiven Rächer oder Belohner, der auf Bosheit oder Gutsein des Menschen entsprechend reagiert. Deshalb sollten Christen mit Sätzen wie "Gott straft mich!" oder "Womit habe ich das verdient?" im Zusammenhang mit Leid oder Unglück sehr vorsichtig sein, auch deshalb, weil sie damit völlig außer Acht lassen, dass Jesus die Strafe, die wir verdient haben, getragen hat, und damit letztlich die Erlösung, die Jesus für uns vollbracht hat, klein machen.

Eine Familie machte einen Sonntagsspaziergang. Drei muntere Kinder liefen ihren Eltern auf einem Schotterweg voraus. Das älteste der Kinder sprang vorneweg und schaute immer wieder zurück zu seinen beiden Geschwistern. Die Kinder liefen auf einen unbeschrankten Bahnübergang zu. In ihrer Freude am Spiel hatten sie alles um sich herum vergessen, hörten auch nicht den herannahenden Zug. Direkt vor dem Bahnübergang stolperte das Mädchen und fiel der Länge nach hin, während der Zug in wenigen Metern Abstand vorbeidonnerte. Das Mädchen weinte über das zerrissene Kleid und die blutenden Hände und Knie. Der ganze Sonntag, alle Freude und Begeisterung, schien ihr verdorben, sie fühlte nur den brennenden Schmerz und wollte sich nicht trösten lassen. Aber die Eltern sahen hinter dem Unglück die wunderbare Bewahrung vor der viel größeren Gefahr.

Wie oft hat Leid das Leben eigentlich geschont und ermöglicht? Wie viele Menschen sind angesichts des Todes zum Leben gekommen, in schwerer Krankheit eigentlich gesundet und heil geworden, in Erschütterungen aufgewacht, an den Grenzen des Lebens zur eigentlichen Mitte, zu dem lebendigen Gott, gelangt! Gott macht oft einen Strich durch unsere Rechnung und auch oft einen Strich durch unsere Pläne, um uns vor Schlimmem zu bewahren.

Aber niemals darf aus diesem eindeutigen Zusammenhang von Leid und positiven Möglichkeiten ein leichtfertiger Umgang mit schweren Dingen des Lebens werden. Wer Leid einfach gut nennt, wer den Leidenden zur Beruhigung bringen möchte, weil das Unglück ja eigentlich Glück bedeuten kann, verfehlt den Menschen und die Tiefe des Lebens. Wir sollten wieder die Fähigkeit lernen, Leid auch Leid zu nennen und den Betroffenen darin ernst zu nehmen, dass wir seiner Not ein Recht einräumen. Wer wirkliches Glück erlebt, wird sich nicht verstanden fühlen von jemand, der darin immer gleich das eigentliche Unglück erkennen möchte. Genauso wenig wird ein Leidender sich ernst genommen sehen, wenn man seine Not eine Wohltat nennt, für die er im Grunde dankbar sein müsste.

Außerdem: Nicht jedes Leid ist auch aus der Liebe Gottes geboren. Oft kommt das Leid vom Bösen, vom Teufel, und an den "Guten" tobt es sich aus. Wir finden oft keine Antwort auf unsere Frage "Warum?". Und wir wollen keine halben Antworten, anteiligen Wahrheiten, einseitigen Aspekte, bedingten Lösungen gelten lassen. Aber wir wollen lernen, mit unseren grundsätzlichen Fragen ganz zu Gott vorzudringen.

Leiden kann den Gott der Liebe nicht in Frage stellen. Leiden stellt nur unser selbstgebasteltes Bild in Frage von einem Gott, der unsere Wünsche zu erfüllen und unseren Neigungen nachzugeben hat. An Gott und seiner Wirklichkeit wird sich jedes menschliche Bild vermessen. Gott ist immer noch größer, geheimnisvoller, anders. Wir haben Gott nichts vorzuschreiben, und sein Handeln ist nicht auszurechnen. Gott ist maßlos in seiner Liebe. Keine Schuld, kein Leid, kein Tod, keine noch so starke Verkörperung von Unheil und Lebensminderung setzen seiner Liebe eine Grenze oder ein Maß. Aus allem kann Gottes Liebe in ihrer Unbegrenztheit Heil und Gutes schaffen.

Das wird am deutlichsten sichtbar am Leiden Jesu Christi. Das schrecklichste Leid in dieser Welt, das Leiden Jesu am Kreuz, wird durch die maßlose Liebe Gottes in das Heil für die ganze Welt umgewandelt. Gottes Liebe ist maßlos. Kein Leid kann sie eingrenzen, kein Unglück sie aufheben, keine Schuld ihre Macht überschreiten. Darum sagt Paulus: "Was also könnte uns von Christus und seiner Liebe trennen? Leiden und Angst vielleicht? Verfolgung? Hunger? Armut? Gefahr oder gewaltsamer Tod?" (Römer 8,35 HfA). Und er gibt darauf zur Antwort: "Gewiss nicht! ... Aber dennoch: Wir werden über das alles triumphieren, weil Christus uns so geliebt hat. Denn da bin ich ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch irgendwelche Gewalten, weder Himmel noch Hölle oder sonst irgend etwas können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, bewiesen hat" (V. 36-38).

Wer sein ganzes Vertrauen auf Jesus Christus als seinen Herrn und Retter setzt, der darf sich in jeder Lage seines Lebens ganz geborgen wissen.

[Persönlicher Bericht]

Gerade auf den Wegstrecken unseres Lebens, auf denen wir uns am einsamsten fühlen, da ist Jesus da. Leiden macht oft einsam. Es gibt Wege im Leben, die sind zu schmal und zu steil, als dass zwei nebeneinander darauf gehen könnten. Verstehen und Teilhaben am Ergehen des anderen sind nur im Normalfall des Lebens möglich. Die höchsten Gipfel des Glücks und die tiefsten Schluchten des Leides aber sind so eng, dass wir dort alleine gehen müssen.

Jesus Christus aber ist da. Wenn der Weg so eng wird, dass niemand mehr neben uns gehen kann, dann wollen wir uns darauf besinnen, dass Jesus uns trägt. "Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen."

Das ist gewiss eine Erkenntnis, die uns im normalen Leben, das heißt in "guten Tagen", ohne weiteres einleuchtet. Aber in schwierigen und leidvollen Lebenssituationen fällt es uns oft schwer, das zu glauben und daran festzuhalten. Oftmals kommt uns diese Einsicht auch erst im Nachhinein, so wie es ja auch in diesem Traum der Fall war. Aber wenn wir wissen, dass Jesus uns gerade im Leid so nahe ist, dass er uns trägt, dass wir uns geborgen wissen, dann kann uns das helfen. Der Herr, der uns immer wieder "gute Tage" sehen lässt, an denen wir selten fragen "Warum?" ist auch in schweren Tagen derselbe. Gut, wenn wir schon in guten Zeiten uns dies ganz tief in unser Herz hineinsprechen lassen: "Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen ...", dann fällt uns auch in schweren Zeit eher jenes andere Wort ein: "... da habe ich dich getragen."

Leiden macht einsam. Und doch kann es uns noch tiefer und fester mit Jesus Christus verbinden. Gerade im Leiden wollen wir Zuflucht nehmen bei dem, der unser Leben wirklich teilt, der mit uns geht und uns fest in seinen Händen hält. Und der uns trägt.

Und so können wir vielleicht uns wiederfinden in den Worten eines Gebetes von Pfarrer Jörg Zink:

"Vater, in deinen Händen ist mein Leben. Ich kann es nicht planen und machen und voraussagen. Aber ich danke dir, dass ich deine Führung erkenne. Ich staune, Herr, über den Plan, nach dem mein Leben verläuft. Über die Wendungen, die mein Schicksal nahm. Du greifst ein, und manchmal erkenne ich, dass es so kommen musste. Du machtest meine Gedanken und Pläne zunichte, und am Ende entdeckte ich, so war es gut. Ich weiß, Herr, dass du mich nicht am Leid vorbeiführst, aber du führst mich hindurch. Und wenn ich im finsteren Tal wandere und deine Hand nicht finde, so fürchte ich doch kein Unglück, denn du bist bei mir. Ich vertraue dir, Herr und Vater, auch wenn ich nichts verstehe. Ich überlasse mich dir. Tu du mit mir, was du willst. Ich lege mich in deine Hand und danke dir, wenn ich immer besser lerne, dies und sonst nichts zu wollen. Einzig dies wünsche ich, dass dein Wille sich an mir erfüllt."

Amen.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht einen gesegneten Sonntag!