10. "Leben live"-Gottesdienst, 06. März 2004
Der Gottesdienst wurde vorbereitet vom Gottesdienstteam. Die Predigt hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984.
© 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Themenpredigt: "... damit die Richtung stimmt"


Es gilt das gesprochene Wort!


Schon interessant, wie so ein Baum beschnitten wird. Mag sein, dass es für manche von euch alles längst bekannt ist, "kalter Kaffee" sozusagen; andere dagegen haben hier womöglich etwas ganz Neues erfahren und viel dazugelernt. Ich selber gehöre zweifellos zu letzteren.

Der Zweck des "Pflanzschnittes" ist es, dem Baum das Wachsen zu ermöglichen. Ums Wachsen geht es. Ums Wachsen geht es auch in unserem Leben. Unser Leben ist dem Wesen nach auf Wachstum angelegt. Von der ersten Sekunde unseres menschlichen Lebens, wenn Eizelle und Samenzelle verschmelzen, entsteht ein neuer Mensch. Von diesem Augenblick an ist der Mensch ein Mensch, muss nicht erst noch zu einem Menschen werden. (Das ist ja auch der Grund, warum Christen es niemals hinnehmen können, dass ein Mensch vor der Geburt getötet wird, sei es bei der Abtreibung, sei es bei der Vernichtung gezüchteter Stammzellen.) Vom ersten Augenblick des Lebens "entwickelt" sich der Mensch nicht zum Menschen, sondern als Mensch. Und rein körperlich betrachtet, wächst er dann: als Baby, als Kind, als Jugendlicher, wird größer und größer, bis er "ausgewachsen", bis er "erwachsen" ist. Was für das menschliche Leben gilt, gilt für alles Leben: Tiere, Pflanzen. Auch sie wachsen.

Wachstum ist also ein Kennzeichen allen Lebens. Etwas, was der, von dem alles Leben kommt, Gott, der Schöpfer, so wollte.

Freilich, das körperliche, physische Wachstum, was ja letztlich ein größenmäßiges Wachsen bedeutet, kommt irgendwann an ein Ende. Trotzdem aber ist Wachstum ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Und es ist keineswegs so, dass Erwachsene nicht mehr wachsen wollten.

Hier geht es um ein Wachsen jenseits des körperlichen, größenmäßigen Wachsens. Es ist gerade ein Merkmal gesunden Lebens, eines gesunden Geistes, gesunder Gefühle, dass wir nicht auf dem Stand von heute stehen bleiben wollen, dass wir Neues wollen, offen sind für neue Erfahrungen. Wenn es sich jemand so sehr im Jetzt, im Ist-Zustand eingerichtet hat, dass er jegliche Veränderung rundweg ausschließt, stimmt das sehr bedenklich.

Ist euch schon mal aufgefallen, wie oft in der Werbung das Wörtchen "mehr" vorkommt, geschrieben mit ‚e-h'? "Mehr erleben. Alles erfahren" (Bertelsmann-Verlag), "Mehr als Genuss (Frosta), "Mehr für mich" (Schwab), "Viel viel mehr erreichen" (RTV), "Mode, Marken und mehr"(Reno), "OBI ist mehr. Mehr als genial" ... Fast 200 Werbeslogans spuckt die Internet-Datenbank "slogans.de" aus, die dieses unscheinbare und doch so emotionsgeladene Wörtchen "mehr" enthalten!

Auch die Filmindustrie bedient diesen Wunsch nach "mehr". Warum sonst könnten immer wieder Filme Kassenschlager werden, in denen Menschen Übermenschliches fertigbringen, in denen die Grenzen des Menschseins überwunden scheinen?

Dasselbe ist bei Büchern festzustellen. Hättet ihr gedacht, dass beim größten Internet-Buchhändler allein unter der Kategorie "Ratgeber" sage und schreibe 522 Buchtitel mit dem Wörtchen "mehr" aufgelistet sind (im Ganzen sind es weit über 4000!)?

Eine Vielzahl von Fortbildungs- und Seminarmaßnahmen hat ebenfalls genau dies zum Thema. Wenn etwa gestandene Manager barfuß über Glasscherben oder bestbezahlte Profi-Fußballer über glühende Kohlen laufen, dann soll dies ja dazu dienen, das in ihnen schlummernde Potenzial zu entfalten und nach Möglichkeit zu erhöhen.

Bei all diesen Maßnahmen ist zweifellos viel Fragwürdiges dabei. Stichwort "Esoterik". Spätestens, wenn man sich geistig bestimmten Einflüssen und Mächten öffnet, oft auch unbewusst, dann wird es höchst gefährlich, dann geraten wir auf eine schiefe Bahn, auf der es kein Halten mehr gibt. Denn diese Mächte sind ja nicht Einbildung, sondern höchst real, wenn auch unsichtbar. Aber sie wollen uns nur zerstören, geistig, körperlich und seelisch; vor allem aber wollen sie verhindern, dass wir eine persönliche Beziehung zu Gott haben.

Auch manche Redewendungen lassen das durchblicken: Etwa, dass jemand "über sich hinauswachsen" will, andere wollen "Grenzen überschreiten", wieder ein anderer will "seinen Horizont weiten". Und dann ist oft auch einfach vom "Wachsen" die Rede. "Ich will wachsen." Menschen wollen wachsen. Wie aber wollen sie wachsen? Und worin? Und vor allem auch: wohin? Diese Fragen bleiben meist unbeantwortet.

Wachsen, das ist eine Sehnsucht, die tief in uns Menschen steckt, ein Wunsch, den nahezu jeder Mensch in der einen oder anderen Form verspürt. Und diese Sehnsucht ist nicht verwerflich, sie ist nicht böse oder schlecht. Denn diese Sehnsucht hat der Schöpfer in uns hineingelegt. Darin unterscheiden wir Menschen uns auch von anderem Leben. Wie gesagt, alles Leben ist auf Wachstum angelegt. Auch Tiere und Pflanzen wachsen. Es ist aber immer nur ein physisches, ein größenmäßiges Wachsen.

Nur der Mensch, Gottes Ebenbild, trägt in sich eine Sehnsucht nach Wachstum. Hier zeigt sich etwas von Gottes Wesen. Weil Gott so groß und allmächtig ist, deshalb tragen wir Menschen diese Sehnsucht in uns zu wachsen. Und wenn Gott selber diese Sehnsucht in uns hineingelegt hat, dann ist diese grundsätzlich erst einmal positiv. Die Frage ist nur, was wir mit dieser Sehnsucht machen, und vor allem: womit wir versuchen, diese Sehnsucht nach "mehr", diese Sehnsucht nach Wachstum, zu stillen.

Wenn wir nicht ohne Plan, ohne Ziel und ohne Richtung wachsen wollen, dann müssen wir danach fragen, wie sich unser Schöpfer das gedacht hat. Wenn er diese Sehnsucht in uns hineingelegt hat, dann weiß auch er am besten, wie diese Sehnsucht gestillt werden kann.

In der Bibel, im Wort Gottes, ist viel von "Wachsen" die Rede. Und interessanterweise wird das menschliche Leben oft mit dem Wachsen einer Pflanze verglichen. So zum Beispiel im Psalm 1, den wir vorhin gehört - und auch gesungen! - haben. Dieser Psalm nimmt ja im Psalter eine Sonderstellung ein: Er ist gewissermaßen das "Vorwort" zu den restlichen 149 Psalmen. Wie wichtig so ein Vorwort, eine "Präambel" ist, das haben wir zuletzt bei der Diskussion über die neue europäische Verfassung gemerkt, wo es ja um einen Bezug auf Gott in der Präambel ging. In diesem Psalm heißt es von dem, der Gott vertraut und sein Wort lebt: "Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl" (Psalm 1,3). Sehr schön ist das auch in Psalm 98 ausgedrückt: "Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon. Die gepflanzt sind im Hause des Herrn, werden in den Vorhöfen unsres Gottes grünen. Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein, dass sie verkündigen, wie der Herr es recht macht; er ist mein Fels, und kein Unrecht ist an ihm" (Psalm 92,13-16).

Auch im Neuen Testament finden sich Worte über das Wachsen. So berichtet etwa der Evangelist Lukas von Jesus, nachdem er von dessen Geburt und ersten Lebenstagen erzählt hat: "Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm" (Lukas 2,40).

Bemerkenswert sind aber vor allem die vielen Aussagen, in denen nicht einfach "irgendein" Wachsen genannt wird, sondern in denen dieses Wachsen einen konkreten Bezug und auch ein Ziel hat. Sehen wir sie uns ein wenig näher an.

In der Apostelgeschichte des Lukas (12,24) finden wir die Bemerkung: "Das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus." Was aber hat das mit menschlichem Wachstum zu tun, wenn Gottes Wort wächst? Sehr viel! Damit ist ja nicht einfach gemeint, dass immer mehr Wort Gottes verkündigt wurde, sondern vielmehr, dass immer mehr Menschen an Gottes Wort glaubten. Und an Gottes Wort glauben, diesem immer mehr Raum in unserem Leben geben, das hat konkrete Folgen. Insofern wirkt sich das Wachstum des Wortes Gottes auch unmittelbar auf unser Leben aus.

Im 2. Korintherbrief heißt es, dass Gott "die Früchte unserer Gerechtigkeit wachsen" lässt. Wachstum ist dort bezogen auf die Bereitschaft zu teilen und von unserem Geld abzugeben: "Gott aber, der dem Sämann Saat und Brot schenkt, wird auch euch Saatgut geben. Er wird es wachsen lassen und dafür sorgen, dass eure Opferbereitschaft Früchte trägt." (2. Korinther 9,10 HfA).

Vom Wachsen des Glaubens ist an mehreren Stellen die Rede (2.Kor 10,15; 2.Thess 1,3 u.a.). "Glauben" heißt ja Vertrauen zu Gott, und dieses Vertrauen kann gestärkt werden, kann zunehmen, kann tiefer werden.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wachsen in der Erkenntnis (Kol 1,6; 2.Petr 3,18 u.a.). "Erkenntnis" ist in der Bibel niemals etwas, was nur mit dem Kopf, mit dem Verstand zu tun hat, sondern mit dem Herzen. Gott persönlich kennenlernen, sein Wesen, seinen Charakter, seine Art, seinen Willen, seine Pläne und Ziele. Und das immer mehr, immer besser.

Schließlich sollen wir wachsen in der Gnade. Das bedeutet: Wir sollen uns immer mehr abhängig wissen von Gott und - um es mit einem Wort des früheren Landesbischofs Hermann Bezzel (1861-1917) zu sagen - diese Abhängigkeit als Glück verstehen. Wir dürfen aus seiner Vergebung leben und dies tagtäglich erfahren.

Das alles ist gleichsam zusammengefasst und zugespitzt in einem Wort aus dem Epheserbrief. Dort fordert der Apostel Paulus die Gemeinde und sich selbst auf: "Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus" (Epheser 4,15). Oder, wie es in einer neueren Übersetzung wiedergegeben wird: "Wir wollen an der Wahrheit des Evangeliums festhalten. Und durch die Liebe soll all unser Glauben und Handeln sich immer mehr an Christus ausrichten, der das Haupt seiner Gemeinde ist."

Hier ist das Ziel klar benannt. Die Richtung muss stimmen! Jesus Christus allein kann die Richtung sein, zu der hin es sich zu wachsen lohnt, die Richtung, die uns wirklich im Leben weiterbringt, die unsere Grenzen überwinden kann, die uns neue Horizonte öffnet. "Damit die Richtung stimmt", kommt alles darauf an, dass wir uns ihm, Jesus Christus, vorbehaltlos und ganz anvertrauen. Sonst bleibt alles Wachsen ohne Sinn, ohne Ziel und ohne Plan, und wir werden am Ende vor einem Scherbenhaufen stehen, vor dem Scherbenhaufen unserer ungestillten Wünsche und Sehnsüchte, vor dem Scherbenhaufen unserer unerfüllten Wünsche nach Wachstum.

"Immer mehr" - das ist das entscheidende Stichwort. Der christliche Liedermacher Lothar Kosse hat das einmal mit wenigen Worten sehr schön zum Ausdruck gebracht: "Immer mehr von dir, immer mehr, immer mehr sein wie Du, immer mehr. Immer mehr deine Worte verstehn, deine Werke tun, o Herr, immer mehr."

Um wachsen zu können, sind bestimmte Bedingungen erforderlich. Solche "Wachstumsbedingungen" gibt es nicht nur bei Pflanzen, sondern genauso für uns Menschen. Und damit sind wir wieder beim "Pflanzschnitt", der uns vorhin so eindrucksvoll vorgeführt wurde. Gewiss, es gibt weit mehr Wachstumsbedingungen: etwa Sonne, Wasser, Mineralstoffe, und sie allen können ein Gleichnis sein für die Bedingungen für menschliches Wachsen. Das würde hier aber zu weit führen. So wollen wir hier nur den Pflanzschnitt ein wenig näher betrachten.

Es ist ja schon eigenartig und zunächst nur schwer verständlich, dass ein anfänglich so schönes Bäumchen darart zugeschnitten wird. Und so manchem hat vielleicht das Herz geblutet, als er sich einen Bäumchen gekauft hat und mit ansehen musste, dass der Fachmann bis auf wenige Äste alles weggeschnitten hat und sich sagen lassen musste, wozu diese Radikalkur gut sei. Das geschehe nicht aus Freude an der Zerstörung, sondern vielmehr mit dem einen Ziel: das optimale Wachstum zu ermöglichen. Und erst Jahre später hat sich diese fachmännische Beurteilung als richtig erwiesen, als ein prachtvoller Baum daraus geworden ist.

So ist es auch in unserem Leben. Wenn wir wirklich wachsen wollen, dann kann nicht alles so bleiben, wie es ist. Da muss manches weggeschnitten werden, was das Wachstum behindert, schlechte Gewohnheiten, negative Charaktereigenschaften, Sünde, mit anderen Worten: alles, was uns von Gott trennt. Freilich sollen wir - im Bild gesprochen - nicht selber an uns herumschnippeln, sondern den Fachmann ranlassen. Der Fachmann ist der, der uns gemacht hat: der lebendige Gott. Jesus selber erklärt das einmal seinen Jüngern, also denen, die ihm nachfolgen, in der berühmten Bildrede vom Weinstock. Ich will hier nicht auf alle Einzelheiten dieser bedeutsamen Rede eingehen, sondern nur den einen Aspekt herausgreifen, in dem es ums Zuschneiden, ums Beschneiden geht, gleich am Anfang. Jesus sagt: "Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner, der alle unfruchtbaren Triebe abschneidet. Aber die fruchttragenden Reben beschneidet er sorgfältig, damit sie noch mehr Frucht bringen" (Johannes 15,1-2 HfA).

Denn das ist letztlich Sinn und Ziel unseres Lebens, darum sollen wir wachsen: damit wir Frucht bringen. Jesus sagt: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, daß ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe" (Johannes 15,16). In der Ewigkeit, in der vollendeten neuen Welt Gottes, werden die Bäume zwölfmal im Jahr Frucht tragen, da gibt es Frucht in Hülle und Fülle (Offenbarung 22,2). Hier in unserem Leben ist es nicht selbstverständlich, dass wir Frucht bringen, aus uns heraus schon gar nicht. Ja, wir können nur in der engen Verbindung mit Jesus Frucht bringen. "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun" (Johannes 15,5).

Ich schließe mit einem Lied von Manfred Siebald. Es ist eigentlich ein Gebet, mit dem wir uns an Jesus wenden:

Komm in unser dürres Leben. Jesus, nur wenn Du es füllst,
kann es wachsen, kann es blühen, Früchte tragen, die Du willst.

Komm in unser trocknes Denken, das verkümmert ist und klein.
Hilf uns, mehr vor Dir zu staunen, und dann wird es größer sein.

Komm in unsre welken Worte, die nur rascheln ohne Saft.
Hilf uns, mehr vor Dir zu schweigen, und dann gib den Worten Kraft.

Komm in unser schwaches Handeln, das so oft im Keim erstickt.
Hilf uns, mehr vor Dir zu ruhen; mach uns mutig und geschickt.

Komm in unser dürres Leben. Jesus, nur wenn Du es füllst,
kann es wachsen, kann es blühen, Früchte tragen, die Du willst.


Amen.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht einen gesegneten Sonntag!