8. "Leben live"-Gottesdienst, 06. Dezember 2003
Der Gottesdienst wurde vorbereitet vom Gottesdienstteam. Die Predigt hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984.
© 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Themenpredigt: "Das kannst Du Dir schenken (lassen)"


Es gilt das gesprochene Wort!


Das mit dem Schenken ist schon so eine Sache ... Wobei es in diesem Gottesdienst vor allem um das "Sich-etwas-schenken-Lassen" geht und weniger ums Schenken. Denn das wäre ein eigenes Thema.

Eigentlich freut sich doch jeder über ein Geschenk - oder? Ihr merkt es schon an dem Wörtchen "eigentlich", dass es ganz so einfach doch nicht ist. Das Wort "eigentlich" macht nämlich deutlich, dass das Gesagte nicht absolut, "einfach so" gilt, sondern dass da Einschränkungen dabei sind. Bei einem Satz mit "eigentlich" wartet man förmlich auf das "Aber". Und das Tückische an diesem Wort "eigentlich" ist, dass von Anfang an nicht klar ist, wie groß die Einschränkungen sind und wie viele es gibt. Stellt euch mal vor, eine Aussage trifft 100-prozentig zu, dann brauche ich nicht "eigentlich" zu sagen. Es wäre doch ziemlich unsinnig zu sagen: "Eigentlich ist das ein Adventskranz." Also, bei einer 100-prozentigen Aussage ist das klar. Sobald es aber nicht mehr 100 Prozent sind, sondern nur noch 99, sage ich "eigentlich" und hänge die 1 Prozent "aber" dran. Ich sage aber auch "eigentlich", wenn ich 99 Prozent "aber" meine. Mit anderen Worten: Wenn ich sage: " Eigentlich freut sich doch jeder über ein Geschenk", dann kann es nur eine Einschränkung geben, genauso gut aber auch zig Einschränkungen. Die Einschränkungen können so viel und so gewichtig sein, dass die eigentliche Aussage darüber völlig in den Hintergrund tritt.

Was sind denn die "Abers", die die pure Freude am Beschenktwerden, am "Sich-etwas-schenken-Lassen" trüben? Es ist ja sicher auch kein Zufall, dass so ein schönes Wort wie "schenken" in einer äußerst negativen Redewendung vorkommt: "Das kannst du dir schenken", das bedeutet ja soviel wie: "Das lohnt sich nicht, darauf kann man gut verzichten."

Noch einmal: Was sind die "Abers", die die pure Freude am Beschenktwerden, am "Sich-etwas-schenken-Lassen" trüben?

Ich möchte fünf nennen.

1. Das Gefühl, ein Geschenk gar nicht verdient zu haben. - Dieser "Verdienstgedanke" steckt tief in uns. Bewusst oder unbewusst fragen wir uns bei einem Geschenk, warum wir es bekommen haben. Wir überlegen uns, was wir alles falsch gemacht haben, und warum wir trotzdem ein Geschenk bekommen haben. Oder umgekehrt, was denn an unserem Verhalten so toll war, dass wir ausgerechnet dafür mit einem Geschenk belohnt werden.

2. Der vermeintliche oder tatsächliche Zwang, dem anderen wieder etwas schenken zu müssen. - Dadurch kann die Freude über ein Geschenk schon im Keim erstickt werden. Denn je mehr ich mich im Prinzip über ein Geschenk freue, umso schwieriger wird es, es dem anderen "mit gleicher Münze heimzuzahlen". Denn schließlich soll es ja mindestens gleichwertig sein, zumindest vom reinen Geldwert her, am besten aber auch vom ideellen Wert her, von der Freude, die es beim anderen hervorruft. Da kann - bildlich gesprochen - eine Spirale in Gang gesetzt werden, die sich immer schneller dreht und wo einem immer schwindliger wird und, weil man die Erwartungen nicht mehr meint erfüllen zu können, immer unzufriedener wird.

3. Ein Geschenk, das man so gar nicht gebrauchen kann, dessen Sinn man nicht erkennt. - In meinem Englisch-Buch in der fünften Klasse stand die Geschichte "Too much of a good thing". Da wurde vom Geburtstag des Großvaters erzählt, der von allen Filzpantoffeln zu seinem Ehrentag geschenkt bekam. Am Schluss hatte er vierzehn Paar Filzpantoffeln und wusste, obwohl er sich die eigentlich gewünscht hatte, nichts mehr damit anzufangen. Es war "Too much of a good thing", "zuviel des Guten". Die Beispiele lassen sich beliebig vermehren: Die Blumensorte, die die Beschenkte nicht ausstehen kann. Die berühmten Vasen, die mancher nur auf den Tisch stellt, wenn der Besuch kommt, von dem sie geschenkt wurden, aber hinterher ganz schnell wieder im Schrank verschwinden. Aber auch sonst kann wahrscheinlich jeder von uns eine eigene Geschichte erzählen von einem Geschenk, über das er sich deshalb nicht richtig freuen konnte, weil er nichts damit anfangen konnte.

4. Ein Geschenk, bei dem man das Gefühl hat, es ist gar kein echtes Geschenk, sondern eher ein "Wink mit dem Zaunpfahl", ein Appell ans schlechte Gewissen, womöglich sogar eine hinter einem Geschenk versteckte Kritik. - Das kann das Heimwerkerbuch für den Ehemann, das Kochbuch für die Ehefrau, das Computerbuch für den Großvater sein. Und was für Bücher gilt, gilt oft auch für andere Dinge ...

5. Ein Geschenk, bei dem man das Gefühl hat, man hat es nur als "Revanche" bekommen, weil man vorher selber etwas geschenkt hat. - Das Motiv für das Schenken war nicht Zuneigung und Wertschätzung der anderen Person, sondern Kalkül, kühle Berechnung.

Was aber hat das Ganze nun mit Gott zu tun? Schließlich feiern wir ja einen Gottesdienst. Denn um Tipps zum richtigen Schenken zu bekommen, könnte man auch einen Volkshochschulkurs "Perfekte Geschenke für jeden Anlass schnell und stilsicher finden" besuchen oder ein entsprechendes Buch lesen. Jedenfalls können solche möglicherweise praktischen Tipps nicht der einzige Inhalt eines "Leben live"-Gottesdienstes sein.

Der deutsche Sprachwissenschaftler Jacob Grimm (1785-1863), den die meisten von uns von den von ihm zusammen mit seinem Bruder Wilhelm herausgegebenen Märchensammlungen kennen, sagte einmal: "Die wahre Gabe erfreut Geber und Empfänger, weil sie Ausdruck einer persönlichen Bindung ist."

Damit kommen wir der Sache schon eher auf die Spur: Gott als der Geber, als der Schenkende, der uns be-schenkt. Immer ist da die Beziehung im Spiel, die Gott mit seinen Menschen haben möchte. Nur in der Beziehung zu Gott findet unser Leben seine eigentliche Bestimmung. Gott beschenkt uns, weil er eine Beziehung zu uns Menschen möchte.

Nun könnte man hier unzählige Beispiele von Geschenken nennen, die Gott seinen Menschen macht. Martin Luther nennt in seiner Erklärung zum Glaubensbekenntnis einige dieser Dinge: "Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Frau und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt ..."

Doch das alles ist wenig im Vergleich zu dem größten Geschenk, das Gott seinen Menschen macht!

"Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben" (Joh 3,16 HfA) Das ist das größte Geschenk, das es jemals auf dieser Erde gab und auch jemals geben wird: Gott schenkt uns seinen Sohn.

Er tat es aus Liebe. Liebe ist das eigentliche Motiv für alles rechte Schenken. Was nicht aus Liebe geschieht, ist nur wenig wert. Auch ein (vom materiellen Wert her) noch so kleines Geschenk kann für Liebende einen unendlich großen Wert haben.

In seiner grenzenlosen Liebe zu seinen Menschen wollte Gott nicht tatenlos zuschauen, wie seine Menschen zugrunde gehen und sich selbst zugrunde richten. Er gab seinen Sohn her. "Schenken heißt, einem anderen das geben, was man selber gern behalten möchte", so sagte es einmal die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf (1858-1940).

Der eine Sohn Gottes, der schon immer bei Vater war, musste die himmlische Herrlichkeit verlassen, musste klein, unscheinbar, angreifbar werden. Denn es gab keinen anderen Weg und keine andere Möglichkeit, die zerstörte Beziehung zu Gott wiederherzustellen.

Gott gab seinen Sohn her, und das, obwohl er wusste, was ihn erwarten würde, obwohl er wusste, dass sein Weg ein Weg des Leidens würde und er schließlich gar getötet würde. Dieses Geschenk, das Gott seinen Menschen machte, ist so groß und unbezahlbar, dass wir es einfach nicht begreifen können. Es war kein so schnell dahingeworfenes Geschenk, sondern dieses Geschenk war wohl ausgewählt und in allen Konsequenzen von Gott bedacht. Gott wusste, was er tat, und er wusste, was er seinem Sohn zumutete.

In einem alten Lied aus dem 17. Jahrhundert von Paul Gerhardt wird ein Gespräch zwischen Gott und seinem Sohn wiedergegeben. Es sind alte Worte, vielleicht auch nicht leicht verständlich, aber sie zeigen die ganze Dramatik dieses Geschenkes, das alles andere war als ein Allerwelts-Geschenk. Ich versuche, die Worte ein wenig an unsere Sprache zu übertragen. Gott sagt zu seinem Sohn Jesus: "Geh hin, mein Kind, und nimm dich der Menschen an, die meine Strafe verdient haben; die Strafe ist schwer, aber du kannst und sollst sie durch dein Sterben befreien und sie wieder in Verbindung mit mir bringen." Und Jesus antwortet darauf: "Ja, Vater, ja von ganzem Herzen, leg mir deine Last auf, ich will sie tragen, denn ich ich will tun, was du sagst." Gott machte dieses Geschenk, obwohl er wusste, dass diese Mission tödlich enden würde, dass sein Sohn Jesus dafür mit dem Leben bezahlen musste.

Gottes Liebe zu seiner verlorenen Welt, zu seinen verlorenen Menschen war stärker, war größer als der Wunsch, seinen Sohn auch weiter bei sich zu haben, geborgen bei ihm. Jesus, dieser Name ist Programm: "Gott rettet". Nun sollte er seinen Auftrag als Retter der verlorenen Menschen ausführen. Der Zeitpunkt war nicht dem Zufall überlassen, sondern entsprach genau Gottes Zeitplan: "Zu der von Gott festgesetzten Zeit sandte er seinen Sohn zu uns. Christus wurde wie wir als Mensch geboren und den Forderungen des Gesetzes unterstellt. Er sollte uns befreien, die wir Gefangene des Gesetzes waren, damit Gott uns als seine Kinder annehmen konnte" (Gal 4,4f).

Ihr Lieben, deswegen ist Weihnachten geworden! Deswegen kam Jesus in unsere Welt. Gottes Geschenk an uns, sein Sohn Jesus, ist zugleich die größte und ultimative Rettungsaktion der Weltgeschichte, und diese ist noch in vollem Gange. "Ultimativ", das ist hier nicht nur im Sinne einer "Jugendsprache" zu verstehen, sondern wortwörtlich, nämlich: die "äußerste" Rettung. Und das heißt: Wer diese Rettung verpasst, der ist nicht mehr zu retten! Dem ist nicht mehr zu helfen. Wie gesagt: Die Rettungsaktion Gottes läuft weiter. Was Jesus durch sein Leben, sein Leiden und Sterben bewirkt hat, das gilt nach wie vor. Wer an ihn glaubt, wer sein Vertrauen auf ihn setzt, der kommt wieder in die Verbindung mit dem lebendigen Gott. Jesus ist ja nicht im Tod geblieben, sondern auferstanden, und das heißt: Er lebt heute, und du kannst heute ihn in dein Leben einladen, du kannst heute dieses Geschenk, das Gott dir macht, annehmen.

Über so ein Geschenk kann man sich doch freuen - oder? Da müsste doch jeder Luftsprünge machen! Ja, mein Leben hat einen Sinn und ein Ziel. Mein Leben erschöpft sich nicht in den paar Jährchen, die mir hier auf der Erde gegönnt sind, sondern hat Ewigkeitsperspektive, und: Das Schönste und Beste kommt noch!

Aber da höre ich schon die "eigentlich"-Sager. Deshalb wollen wir doch noch einmal die vorhin genannten Einwände, die "abers" in Bezug auf Gottes Geschenk, seinen Sohn Jesus, uns ansehen.

1. Das Gefühl, das Geschenk gar nicht verdient zu haben. - Das ist zweifellos bei diesem Geschenk ganz besonders der Fall. Verdient haben wir Jesus nicht, ganz im Gegenteil. Verdient haben wir, dass Gott uns mit Missachtung straft, dass er uns unserem Verderben überlässt, verdient haben wir den Tod. Umso unbegreiflicher ist es, dass Gott uns Jesus schenkt - aus Liebe!

2. Der vermeintliche oder tatsächliche Zwang, dem anderen wieder etwas schenken zu müssen. - Ein geistliches Sprichwort sagt: "Gott lässt sich nichts schenken." Und genauso ist es. Wer meint, Gott irgendetwas vergelten zu können, der hat noch nicht wirklich verstanden, dass wir immer mit leeren Händen vor Gott stehen. Gottes Geschenk anzunehmen ist ja auch nur das, was man normalerweise mit jedem Geschenk tut. Und wenn wir Gott unser Leben schenken - die einzig richtige Antwort -, dann ist das auch keine Form von "Revanche", sondern ein Zeichen der Dankbarkeit.

3. Ein Geschenk, das man so gar nicht gebrauchen kann, dessen Sinn man nicht erkennt. - Offensichtlich ist genau das für viele ein Problem. Sie erkennen die Größe des Geschenkes nicht, das Gott mit seinem Sohn Jesus uns gemacht hat. Sie wissen nicht oder wollen nicht wahrhaben, dass Gottes Geschenk keine nette "Dreingabe" ist, auf die man genausogut auch verzichten könnte, sondern dass es sich um ein Lebens-notwendiges Geschenk handelt, mit dessen Annahme oder Nicht-Annahme sich alles, Leben und Tod, entscheidet.
4. Ein Geschenk, bei dem man das Gefühl hat, es ist gar kein echtes Geschenk, sondern eher ein "Wink mit dem Zaunpfahl", ein Appell ans schlechte Gewissen, womöglich sogar eine hinter einem Geschenk versteckte Kritik. - Wenn es irgendjemanden gibt, der aus vollkommen reinen und lauteren Motiven etwas schenkt, dann ist das Gott! Gott ist Licht, und in ihm ist keine Spur von Dunkelheit. Er ist die vollkommene Liebe. Oder, wie es in einem Lied heißt: "Erzählt von der Größe Gottes, unsres Herrn. Er ist vollkommen in allem, was er tut. Ein Gott, der Treue hält, er ist ganz ohne Falsch, gerecht und heilig ist er."

5. Ein Geschenk, bei dem man das Gefühl hat, man hat es nur als "Revanche" bekommen, weil man vorher selber etwas geschenkt hat. - Solches Denken ist bei Gott wirklich völlig fehl am Platz. Wenn wir uns vor Gott nichts, aber auch gar nichts, verdienen können, wieviel weniger könnte Gott sich mit seinem Geschenk bei uns revanchieren!

Ihr merkt: Bei Gottes Geschenk, seinem Sohn Jesus, gibt es kein "eigentlich" und kein "aber". Es ist ein Geschenk aus reiner Liebe. Es ist ein Geschenk, das Lebens-notwendig ist. Es ist ein Geschenk ohne jede Berechnung.

Deshalb: Gott sei Dank, dass er uns seinen Sohn Jesus, das größte Geschenk aller Zeiten gegeben hat! Gott, der seinen eigenen Sohn Jesus nicht verschont hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? (Römer 8,32)

Amen.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht einen gesegneten Sonntag!