6. "Leben live"-Gottesdienst, 07. Juni 2003
Der Gottesdienst wurde vorbereitet vom Gottesdienstteam. Die Predigt hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984.
© 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Themenpredigt: "Der Platzanweiser"


Es gilt das gesprochene Wort!


Ich weiß nicht, wie es Euch vorhin gegangen ist, als Ihr zur Kirche hereingekommen seid und Platzkarten in die Hand gedrückt bekommen habt. Ein paar Meinungen haben wir ja gerade bei der kurzen Befragung gehört. Ob Ihr damit gerechnet habt, daß das Thema dieses "Leben live" so konkrete Auswirkungen haben könnte, bis hin zu der Frage, welchen Platz man in der Kirche einnehmen darf. Platzkarten, die gibt's doch sonst allenfalls in Konzerten oder im Kino, im Flugzeug. Wollen die wieder zurückkehren zu den Zeiten, die ja gar noch nicht so lange her sind, wo jeder in der Kirche seinen festen Platz hatte, schriftlich verbürgt durch das am Platz prangende Namensschild?

Oder liegt der Unmut über die Platzkarten womöglich genau darin begründet, daß ich heute "meinen" Platz in der Kirche, auf dem ich seit eh und je gesessen bin, nicht einnehmen durfte?

Es kann aber auch genau umgekehrt sein: daß ich nämlich froh bin über einen Platzanweiser. Wenn ich mir einen ganz bestimmten Platz ausgesucht und diesen im voraus "gebucht" habe, dann lasse ich mir diesen Platz gerne zeigen, mich gerne dorthin führen. Wir merken: Je nachdem, wie zufrieden einer mit "seinem" Platz ist, die entsprechenden Gefühle wird er auch gegenüber dem Platzanweiser haben.

Martha Hemmeter hat am Ende ihrer Befragung einen anderen Platzanweiser erwähnt. Der kommt in der Geschichte vom Kämmerer aus Äthiopien vor.

Philippus, ein Diakon aus Jerusalem, einer der sieben Armenpfleger, leistet dem Finanzminister Starthilfe im Christsein. Durch die Hilfe des Philippus blickt der Finanzminister durch und versteht, um wen es sich da in der Schriftrolle handelt, die er sich in Jerusalem als Reiselektüre besorgt hat. Um Jesus. Er ist für unsere Schuld gestorben. Er ist auferstanden und hat den Tod überwunden. Er ist zurückgekehrt zu seinem Vater im Himmel. Der Finanzminister ist davon so ergriffen, daß er Christ wird und sich von Philippus taufen läßt.

Soweit in aller Kürze der Inhalt dieses Berichtes, den uns Lukas in seiner Apostelgeschichte aufgeschrieben hat.

Wir wollen uns jetzt einem kleinen Detail unseres Berichtes zuwenden. Unser Thema heute heißt ja: "Der Platzanweiser". Was aber hat diese Geschichte nun mit einem Platzanweiser zu tun? Wer ist in dieser Geschichte denn ein Platzanweiser? Die Antwort finden wir im Vers 29. Nachdem Philippus durch einen Engel des Herrn in Richtung Süden geschickt wurde, heißt es nun: "Da sprach der Heilige Geist zu Philippus: "Geh zu diesem Wagen, und bleib in seiner Nähe."". Der Platzanweiser ist der Heilige Geist.

Und darum soll es gehen. Pfingsten ist ja das Fest des Heiligen Geistes, an dem dieser zum ersten Mal über die Jünger Jesu ausgegossen wurde. Über den Heiligen Geist gibt es viel zu sagen, und das Pfingstfest allein ist mit Sicherheit zu wenig, um einigermaßen umfassend über die Aufgabe und Bedeutung des Heiligen Geistes zu sprechen. Deshalb beschränken wir uns heute auf den "Platzanweiser".

Trotzdem vorher ein paar grundlegende Fakten über den Heiligen Geist.

Zunächst einmal ist wichtig zu betonen: Der Heilige Geist ist Gott. Er ist nicht nur eine Kraft, die von Gott ausgeht, sondern Gott selbst. Der Heilige Geist ist die dritte Person der Dreieinigkeit. Der Dreieinige Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist! Der Heilige Geist ist eine Person (Verstand, Wille, Gefühl), und er ist zugleich eine schöpferische und wirksame Kraft. Er verfügt über gottgleiche Eigenschaften, weil er Gott ist. Der Heilige Geist ist unser Anwalt und Beistand; er ist der eigentliche Stellvertreter Jesu auf Erden. Auch aus diesem Grund kann kein Mensch, etwa ein Papst, Stellvertreter Christi auf Erden sein! Der Heilige Geist ist Herr, er hat einen starken Willen, und er hat alle Weisheit Gottes. Diese Weisheit will er uns schenken. Der Heilige Geist ist auch der Geist Christi, der von Gott ausgesandt wurde, um uns zu leiten und zu bevollmächtigen, uns brauchbar zu machen für die Aufgaben, die Gott für uns bereithält. Der Heilige Geist ist der auferstandene Christus in uns! Am Wirken des Heiligen Geistes entscheidet sich letztlich, ob unser Christsein eine Gesetzesreligion ist, so daß wir krampfhaft versuchen, nach Gottes Maßstäben zu leben. Oder ob unser Christsein dynamisch ist, ob Gott selbst durch uns wirken kann, ob Jesus durch den Heiligen Geist in uns und durch uns lebt. Denn das bedeutet Christsein nach dem Neuen Testament.

Eine ganz entscheidende Aufgabe des Heiligen Geistes besteht nun eben darin, "Platzanweiser" zu sein. Das heißt, er zeigt uns den Platz, der der richtige für uns ist:

- Er weist uns den Platz an hier in unserem Leben, er stellt uns in dieses Leben.

- Er weist uns den Platz an in unserer Familie.

- Er weist uns den Platz in der Gemeinde an.

- Er weist uns den Platz an in unserem Beruf und vieles mehr.

In der Apostelgeschichte begegnet uns der Heilige Geist auf Schritt und Tritt in dieser Funktion (8,29; 10,19f; 13,2.4; 16,6f; 20,22f). Immer wieder ist da zu lesen: "Der Geist aber sprach ...", und es folgt jeweils eine konkrete Anweisung, was zu tun ist, was zu reden ist, welcher Weg einzuschlagen ist.

Die Christen damals rechneten ganz selbstverständlich und ganz konkret damit, daß Gott sie führt. Im Psalm 4 heißt es: "Erkennet doch, daß der HERR seine Heiligen wunderbar führt ...". Paulus schreibt im Römerbrief: "Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes" (8,14). Schon Jesus sagt in seinen Abschiedsreden: "Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten" (Joh 16,13).

Der Heilige Geist also ist der Platzanweiser. Er sagt uns, wo's lang geht. Damit ist aber auch klar: Ohne diesen Platzanweiser tappen wir im dunkeln, finden nicht den aus Gottes Sicht richtigen Platz, können wir immer nur unsere eigenen Wege gehen, und diese sind oft genug Irrwege, Holzwege und Sackgassen. Wenn wir zugeben, daß wir einen Platzanweiser brauchen, dann machen wir damit deutlich, daß wir nicht die "Besserwisser" sind, sondern daß Gott der ist, der den besten und richtigen Platz für uns kennt ihn uns zeigt.

Als wir das Thema für diesen Gottesdienst auswählten - und das war schon Ende März -, hat keiner einen Blick in die Losung geworfen. Aber die heutige Losung paßt ganz genau zum heutigen Thema "Der Platzanweiser": Gott sagt: "Wenn ihr zur Rechten oder zur Linken abweichen wollt, werden deine Ohren den Ruf hinter dir vernehmen: "Dies ist der Weg, den gehet!"" (Jes 30,21).

Hier bekommen wir schon einen Hinweis darauf, wie dieser Platzanweiser seine Tätigkeit ausübt.

- Zunächst und vor allem anderen durch die Bibel selbst. Jesus selber betont das: "Was in den Heiligen Schriften steht, ist unumstößlich" (Joh 10,35 GN). Das heißt: Die wichtigste und allein unfehlbare Art, wie Gott uns leitet, ist durch die Heilige Schrift. Der Heilige Geist wird uns niemals in eine Richtung führen, die den klaren Aussagen der Bibel widerspricht.

- Zusätzlich wirkt der Platzanweiser durch konkretes Reden. Wir können dies als innere Stimme des Heiligen Geistes hören. Der Heilige Geist gibt dir Frieden oder Freude in deinem menschlichen Geist, während du etwas tust oder dir geistlich vorstellst, was Gottes Willen entspricht. Andererseits fehlt der Friede oder hast du ein unangenehmes, schlechtes Empfinden in deinem Geist, wenn du etwas tust oder beabsichtigst zu tun, was nicht Gottes Willen entspricht. Allerdings dürfen wir dieses Empfinden in unserem Geist nicht einfach mit unseren Gefühlen gleichsetzen. Gefühle sind nämlich in aller Regel schlechte Ratgeber.

- Es können in Einzelfällen Zeichen, Träume, Visionen, hörbare Stimmen oder Engel sein, durch die der Heilige Geist uns den Willen Gottes zeigt. Daß diese Art der Leitung des Heiligen Geistes schon zu biblischen Zeiten nicht der Regelfall war, zeigt sich darin, daß das nur ein? oder zweimal im ganzen Leben bestimmter Personen geschah. Es fällt weiter auf, daß diese Menschen der Bibel solche Führung des Heiligen Geistes nicht suchten, allerdings auch nicht ablehnten, als sie so geschah.

- Manchmal sind es Zeichen in den Lebensumständen, durch die der Heilige Geist uns leitet. Doch gerade bei den letztgenannten Arten ist es wichtig, sorgfältig zu prüfen. Es ist auch zu unterscheiden zwischen dem, was Gott will und was er zuläßt. Umstände allein genügen nicht, sie müssen bestätigt werden durch die Bibel und durch die innere Stimme des Heiligen Geistes.

Natürlich gibt es in unserem Leben unterschiedlich wichtige Entscheidungen. Dinge von großer oder mittlerer Wichtigkeit sind zum Beispiel die Berufswahl, die Wahl des Ehepartners, die Wahl der richtigen Schule für die Kinder, die Wahl des richtigen Arztes. Bei solchen Fragen sollten wir als Christen Gott um die Führung durch seinen Heiligen Geist bitten. Sonst kann es uns ergehen wie den Israeliten, die deshalb in große Schwierigkeiten kamen, weil es von ihnen heißt: "Sie fragten nicht den Herrn um Rat" (Jos 9,14). Anderererseits gibt es kleine, alltägliche Entscheidungen - ob man jetzt oder später einkaufen gehen soll, ob man vier Packungen Fruchtsaft oder überhaupt keine kaufen soll ... -, wo wir eine konkrete Führung durch den Heiligen Geist nicht benötigen bzw. er uns die freie Entscheidung überläßt.

Wenn Gott uns durch seinen Heiligen Geist führt, dann tut er das Schritt für Schritt. Auch wenn er schon den ganzen Weg kennt, sagt er uns meistens nur, was wir als nächstes tun sollen und zeigt uns den übernächsten Schritt erst, wenn wir der vorhergehenden Führung gehorcht haben.

Immer liegt es an unserer Bereitschaft: Daß wir Gott erlauben, durch seinen Heiligen Geist zu uns zu reden.

Wenn wir unser Leben Gott anvertrauen und ihn immer besser kennenlernen, wenn wir dem Heiligen Geist immer mehr Raum geben in unserem Leben, dann werden wir auch das Wirken des Platzanweisers immer mehr zu schätzen wissen, und dankbar sein für das, wie Gott uns durch seinen Heiligen Geist führt. "Verlaß dich nicht auf deine eigene Urteilskraft, sondern vertraue voll und ganz dem Herrn! Denke bei jedem Schritt an ihn; er zeigt dir den richtigen Weg und krönt dein Handeln mit Erfolg" (Spr 3,5f).

Amen.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht gesegnete Pfingsten!