3. "Leben live"-Gottesdienst (mit Feier des Heiligen Abendmahls), 19. Oktober 2002 mit dem Thema: "Wirklich satt ...?"

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz zusammen mit dem Gottesdienstteam.


Es gilt das gesprochene Wort!



"Wirklich satt ...?" - diese Frage stellt sich in der Tat, wenn man sich die verschiedenen Dinge ansieht, von denen sich der Mensch in unserer kurzen Spielszene Erfüllung für sein Leben verspricht.

Da ist der Bereich der Arbeit, symbolisch dargestellt durch einen Computer. Wer eine Arbeit hat, die ihm Freude bereitet, in der er nicht nur seine so Stunden ableistet, daß er am Montag schon fragt, wann endlich Wochenende ist ... Wer also tatsächlich ein Stück Erfüllung in seinem Beruf findet, dem wird es kaum schwerfallen, in dieser seiner Arbeit immer mehr aufzugehen. Immer mehr Zeit am Arbeitsplatz zu verbringen, immer mehr Kraft und Leistung in die Arbeit zu investieren, Stufe um Stufe auf der Karriereleiter hochzuklettern. Da aber für alle Menschen dasselbe Maß an Zeit zur Verfügung steht, da ein Bankdirektor eben genauso wie ein Hilfsarbeiter maximal 24 Stunden am Tag zur Verfügung hat oder 1.440 Minuten oder 86.400 Sekunden, deshalb wir die Zeit, die man in die eine Sache investiert, an einer anderen Stelle zwangsläufig fehlen. In der Zeit etwa, die man für den Ehepartner oder für die Familie hat, in der Zeit, in der man in der Gemeinde mitarbeiten kann. Und "wirklich satt" kann uns Arbeit nicht machen. Ein Stück Erfüllung, ja, das mögen wir darin finden, aber Sinn, Geborgenheit ...?

Ich kann es mir in diesem Zusammenhang nicht verkneifen, ein Wort zu einem in der Politik heißdiskutierten Thema zu sagen. Ich möchte nämlich ein dickes Fragezeichen hinter die beifallheischenden Pläne vieler Politiker setzen, die Ganztagsbetreuung und Ganztagsschulen weiter auszubauen und darin "das Heil", die Lösung der Probleme unserer Gesellschaft, zu suchen. Ich behaupte: Diese Pläne bringen neue Probleme hervor und verschärfen die bereits bestehenden. Was soll damit gewonnen sein, daß Kinder "untergebracht" sind? Wann durchschauen wir endlich diese kinderfeindliche Ideologie der Ganztagsbetreuung, die alle großen Reden von der kinderfreundlichen Gesellschaft, die wir brauchen, Lügen straft? Kinder brauchen nicht irgendeine Betreuung, sondern sie brauchen ihre Mutter, und sie brauchen ihren Vater. Es kann doch nicht sein, daß man Kinder "in die Welt setzt" und sie dann ganztägig in fremde Obhut gibt, damit man weiter sich im Beruf verwirklichen kann. Wir Menschen sind Beziehungswesen - und die Beziehung von Kindern zu ihren Eltern ist kein bloßer Zufall, sondern von Gott selbst, der sich uns ausgedacht und gemacht hat, so gewollt! -, und es wird sich rächen, wenn wir meinen, die familiäre Beziehung von Kindern zu Eltern aus praktischen oder sonstigen Gründen einfach durch andere ersetzen zu können.

Beziehung - damit sind wir beim zweiten Bereich, der in dem Anspiel vorkam, einer bestimmten Art von Beziehung: die Beziehung zwischen Mann und Frau. Stichwort: "Liebe". Aber trifft dieses Stichwort überhaupt die Sache? Ich möchte hier gar nicht erst von den in unserer Gesellschaft längst salonfähigen "wilden Ehen", von den ständig wechselnden Beziehungen, verharmlosend "Lebensabschnittspartnerschaften" genannt. Daß dies alles Gottes gutem Willen für unser Leben nicht entspricht und daß dies alles auch nicht als "Liebe" bezeichnet werden kann, sollte uns klar sein, ist aber heute nicht unser Thema.

Ich denke hier durchaus an Liebe, an eine feste Beziehung, eine auf lebenslange Liebe und Treue angelegte Ehe zwischen Mann und Frau. Doch kann menschliche Liebe uns wirklich satt machen? Einer der Gründe (ganz sicher nicht der einzige!), warum Beziehungen heute wesentlich häufiger in die Brüche gehen und Ehen geschieden werden, ist das Anspruchsdenken der Partner. So mancher geht mit dem Vorsatz in die Ehe, den anderen so lange zu "bearbeiten" und umzuerziehen, bis er so ist, wie er seinen Wunschvorstellungen entspricht, und wenn nicht, und wenn der Partner seinen Vorstellungen partout nicht genügen will, dann trenne ich mich eben von ihm. Versorgt sind ja beide, und das mit den Kindern, das kriegen wir schon irgendwie hin ... Das Problem liegt letztlich darin, daß ich von meinem Partner etwas erwarte, was er mir gar nicht geben kann. Meine tiefste Sehnsucht, mein innerstes Verlangen nach Sinn des Lebens, nach Wertschätzung, Annahme, Geborgenheit kann ein Ehepartner nicht voll und ganz stillen, sondern nur Gott! Wer an seinen Ehepartner mit Erwartungen herantritt, die dieser gar nicht erfüllen kann, dessen Ehe ist in großer Gefahr, weil die ungestillte Sehnsucht immer mehr Frustrationen hervorrufen wird. Menschliche Beziehungen, auch Liebe kann uns letztlich nicht "wirklich satt" machen.

Sattheit für sein Leben verspricht sich mancher von der "Leidenschaft Auto". Mindestens wöchentlich wird das Gefährt gewaschen und gepflegt, poliert. Autozubehör gibt es in Hülle und Fülle: da ein Spoiler, dort ein Überrollbügel, Alufelgen - na klar! Und dann wird gespart und geträumt, vielleicht steht irgendwann das Traumauto vor der Tür. Im Lotto kann man es ja schließlich auch gewinnen. Eine kleine Unaufmerksamkeit, und schon hat das stolze Fahrzeug nur noch Schrottwert. Gut, wenn der Fahrer nur ein paar Schrammen abgekriegt hat! So ein Auto kann schon eine große Faszination ausüben. Allein das Gefühl, einmal alles unter Kontrolle haben zu können, Herr über diese Maschine sein zu können, das hat was! Und was für den einen das Auto ist, das ist für manchen anderen das Motorrad. Aber kann ein Auto wirklich meinen Lebenshunger stillen, kann ein Auto mir das Gefühl eines erfüllten Lebens geben ...?

Ein Haus bauen, die eigenen vier Wände - für viele heute ein großes Lebensziel. Dabei hat das eigene Haus neben dem Prestige, das dadurch zum Ausdruck kommt, auch eine symbolische Bedeutung. Haus, das ist einfach der ganze Lebensraum, in dem wir uns bewegen, der Ort, an dem wir unser Leben führen. Davon wußte die Bibel schon vor vielen Hunderten von Jahren, was nun auch in der modernen Psychologie neu erkannt wird. So bemerkt etwa die Psychologin Verena Kast: "Das Haus ist ... auch das Gefäß für das Leben überhaupt und hat dadurch eine Bedeutung, die weit über das profane [= herkömmliche] Wohnen hinausgeht ... Häuser spiegeln unser Wesen." So steht das Haus gleichsam wie ein Ursymbol für Heimat und Leben. Für das eigene Haus investiert so mancher unendlich viel an Kraft, an Energie, an Zeit und an Geld. Und wenn das Häuschen fertig ist, dann muß es weiter versorgt werden, unterhalten und "in Schuß" gehalten werden. Echte Lebenserfüllung aber können wir uns von keinem Haus erwarten, auch nicht von der schönsten und größten Luxusvilla. Es bleibt das Gefühl der Leere zurück.

Dieses Gefühl können auch Reisen nicht wegnehmen, allenfalls verdrängen, unterdrücken oder übertünchen. Denn wenn man unterwegs ist von einem Traumziel zum nächsten, dann kommt man gar nicht dazu, wirklich nachzudenken über sein Leben. Was aber, wenn das Reisen nicht mehr möglich ist, weil die Gesundheit nicht mitspielt? Dann erst zeigt sich, ob in solchen Unternehmungen echte Erfüllung zu finden war.

Die fünf Beispiele - Arbeit, Liebe, Auto, Haus, Reisen - könnten beliebig vermehrt werden, aber sie sollen stellvertretend auch für die vielen anderen Versuche stehen, für unser Leben Erfüllung zu bringen. In jedem Lebensalter mögen es auch andere Bereiche sein, von denen man sich wirkliche Sättigung, Sinn des Lebens verspricht.

Aber es kann nicht funktionieren. Wir werden dadurch niemals "wirklich satt" werden!

Jesus sagt: "Ich bin das Brot des Lebens. Keiner, der zu mir kommt, wird jemals wieder Hunger leiden, und niemand, der an mich glaubt, wird jemals wieder Durst haben" (Joh 6,35 HfA).

Daß hier von einem anderen Hunger und Durst die Rede ist, liegt auf der Hand. Denn solange wir hier auf der Erde leben, brauchen wir Essen und Trinken, müssen wir immer wieder unseren Hunger und Durst stillen. Wenn nun Jesus hier sagt, daß, wer zu ihm kommt, "niemals mehr Hunger haben wird", und, wer an ihn glaubt, "niemals mehr Durst haben wird", dann kann er damit nicht den körperlichen Hunger meinen.

Nein, was Jesus hier meint, das ist unser "Lebenshunger", unser Hunger nach echtem, nach erfülltem Leben, unsere Sehnsucht nach dem Sinn des Lebens. Und diese, so behauptet Jesus, kann nur Er stillen. Er gibt uns das, was wir für unser Leben wirklich brauchen: Annahme, Wertschätzung, Geborgenheit, Liebe, Zukunft. Und das alles in einem Maß, wie es kein Mensch auf dieser Welt uns bieten kann. In Hülle und Fülle. Jesus will uns "Leben und volle Genüge" geben (Joh 10,10). Er ist es, der machen kann, daß wir "in allen Dingen allezeit volle Genüge haben" (2. Kor 9,8). Dieses Leben in Hülle und Fülle bekommen wir durch Jesus, durch den Glauben an ihn, indem wir ihn einladen in unser Leben, indem wir ihm unsere leeren Hände hinhalten, damit er sie uns füllen kann, indem wir unsere Abhängigkeit von ihm als Glück bezeichnen, wie HERMANN BEZZEL einmal "Frömmigkeit" definiert hat.

Dann sind wir "wirklich satt"!

Amen.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!