Samstgsabendgottesdienst am 13. 07. 2002 in der Kirche.

Thema: "Glaubhaft leben - lebhaft glauben"


Es gilt das gesprochene Wort!


Unser Thema heute ist ein schönes Wortspiel: "Glaubhaft leben - lebhaft glauben". Und Wortspiele haben es ja so an sich, daß man sie sich gut einprägen und merken kann. Genau genommen, geht es aber hier um zwei verschiedene Themen. Und erst wenn wir das je eigene dieser beiden Themen uns klargemacht haben, dann können wir die Verbindungslinien zwischen den zwei Themen entdecken.

Das erste Thema heißt: "Glaubhaft leben".

Was ist damit gemeint? Versuchen wir, es sprachlich "aufzudröseln". Glaubhaft leben, das heißt doch: So leben, daß einem die anderen das "glauben", einem das "abnehmen". So leben, daß das, was wir 'rüberbringen wollen, auch tatsächlich vorhanden ist, daß unser Leben nicht eine Mogelpackung ist, ein einziges großes Schauspiel mit mehr oder weniger komischen und tragischen Episoden. Ohne Masken leben, oder wenn das schon nicht möglich ist, weil wir alle ja so gerne Masken tragen: so leben, daß hinter unserer Maske dasselbe zum Vorschein kommt, was die Maske "verspricht". Daß das, was wir vorgeben zu sein, deckungsgleich ist mit dem, was wir wirklich sind und daß das, was wir sagen, mit dem übereinstimmt, wie wir uns verhalten. Mit einem Wort: "echt" leben, oder, wer es lieber in ein Fremdwort kleidet: "authentisch" leben.

"Glaubhaft leben" - da geht es um 100prozentige Echtheit; 90, 80 oder 40 %, das ist zu wenig! Gott sieht unser Herz an, er kennt uns durch und durch, er kennt auch das, was wir vor anderen verstecken. Es geht bei "glaubhaft leben" nicht nur um das, was nach außen sichtbar ist. Das macht ja nur einen kleinen Teil unseres Lebens aus. Es geht zum Beispiel auch um das, wie wir in unseren kleineren Lebenskreisen unser Leben führen, in unserer Familie, in unserer Ehe, für uns selbst. Gegenüber der Öffentlichkeit glaubhaft zu leben, ist das Eine, es ist sozusagen das Minimalziel. Gegenüber mir selber und gegenüber Gott glaubhaft zu leben, das ist noch einmal eine ganz andere Dimension und eine ganz andere Herausforderung, die es anzunehmen gilt.

Was "glaubhaft leben" bedeuten kann, das haben wir an den vier Personen gesehen, die sich uns gerade vorgestellt haben: Martin Luther (1483-1546), Corrie ten Boom (1892-1983), Martin Luther King (1929-1968) und Mutter Teresa (1910-1997). Sie alle haben in ihrer Zeit und jede auf ihre Weise ein Leben geführt, das "glaubhaft" ist. Von der Konfession her sind sie auch ganz unterschiedlich: Martin Luther wurde, als Reformator der einen Kirche angetreten, aus dieser ausgeschlossen und "Protestant". Corrie ten Boom gehörte der Niederländischen Reformierten Kirche an, Martin Luther King war Baptist und Mutter Teresa römisch-katholische Ordensgründerin. "Glaubhaft leben" hat nichts mit der Konfession zu tun, sondern vielmehr mit der Hingabe an Gott, mit der Bereitschaft, sich von Gott für seine Ziele gebrauchen zu lassen.

Aber wir sollen diese Glaubensvorbilder nicht kopieren, sondern vielmehr kapieren, wodurch ihr Leben glaubhaft geworden ist. Denn Kopieren wäre in der Tat der Tod aller Glaubhaftigkeit. Glaubhaft sind wir dann, wenn wir wir selbst sind und Gott uns so gebrauchen und verändern kann, wie er es möchte.
"Glaubhaft leben" hat nämlich auch nichts mit unserer Leistung zu tun, mit der Anstrengung, gute Werke zu tun. Auf eine Formel gebracht: "Glaubhaft leben" ist keine Frage des Tuns, sondern eine Frage des Seins. Wohl wird der Glaube an Jesus Christus gute Früchte hervorbringen, aber wenn es ein lebendiger Glaube ist, ein "lebhafter" Glaube, dann wird es "von selber", gewissermaßen automatisch geschehen. So wenig ich einem Baum befehlen kann, Früchte hervorzubringen, so wenig macht die Aufforderung, Gutes zu tun, einen Sinn. Ich werde dann Gutes tun, wenn Gott mein Leben bestimmt, wenn ich mich von Ihm leiten lasse, wenn ich mit Ihm verbunden bin. Die berühmten und vielzitierten Worte von Jesus aus der Bergpredigt: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (Mt 7,16=20) sind ja gerade nicht als Aufforderung zu verstehen, Werke zu tun, sondern als Aufforderung durch die Verbindung mit Gott ein guter Baum zu sein, der dann die entsprechenden Früchte von selbst hervorbringt. Dasselbe bringt der Apostel Paulus mit etwas anderen Worten in seinem Brief an die Epheser zum Ausdruck, wenn er denen, die mit Jesus Christus leben, schreibt: "Wir sind sein Werk, durch Jesus Christus neu geschaffen, um Gutes zu tun. Damit erfüllen wir nur, was Gott schon immer mit uns vorhatte" (Eph 2,10b).

Schon einige Male war bisher von "Glauben" die Rede. Und damit sind wir beim zweiten Thema, das in dem Wortspiel "Glaubhaft leben - lebhaft glauben" anklingt, nämlich: "Lebhaft glauben".

Damit ist ganz offensichtlich etwas anderes gemeint als mit "glaubhaft leben"! Denn das Tätigkeitswort, auf dem das besondere Augenmerk liegt, heißt hier "glauben". Ja, "glauben"! "Glauben", das ist doch das Wort der Kirche, das Wort der Bibel, das Wort der Religion, oder?

Wir müssen hier zunächst klären, was Glaube überhaupt ist, und vor allem: was er nicht ist! Vielleicht hast du es schon zig-mal gehört, seit dem Religionsunterricht in der Schule, im Präparandenunterricht, in Predigten usw. Aber ich bin überzeugt davon, daß man es gar nicht oft genug wiederholen und sich einprägen kann. Denn leider trifft man in Gesprächen mehr Mißverständnisse des Glaubens an als das, was Glaube wirklich ist und sein soll.

Ich will deshalb zunächst ein paar weit verbreitete Mißverständnisse nennen mit dem Ziel, diese Mißverständnisse bewußt zu machen und letztlich auszuräumen.

Mißverständnis Nr. 1 in puncto "Glauben" rührt von dem gewöhnlichen Sprachgebrauch her. Natürlich liegt es nahe, beim Glauben an Gott an das zu denken, wie wir das Wort "glauben" gewöhnlich gebrauchen - aber es bleibt trotzdem falsch, und dieses Mißverständnis führt uns am weitesten weg vom echten Glauben. Wie gebrauchen wir denn sonst das Wort "glauben"? Wir sagen zum Beispiel: "Ich glaube, morgen regnet's" oder: "Ich glaube, Mutter Teresa starb 1998." "Glauben heißt: nicht wissen", so wird dann oft gesagt. Und genau so verwenden wir dieses Wort im Alltag. Am letzten Beispiel sehen wir, daß das, was wir manchmal "glauben", oft auch nicht stimmt, denn Mutter Teresa starb 1997!

Das zweite Mißverständnis lautet: Glauben heißt "etwas für wahr halten". Glaube ist dann die verstandesmäßige Unterwerfung unter Meinungen und Behauptungen, die andere aufgestellt haben, zum Beispiel "die Kirche". Glaube bedeutet dann: die Dogmen und Glaubenssätze einer übergeordneten Instanz namens "Kirche" anerkennen und befolgen. Auch wenn man mit einem solchen Verständnis von Glauben vielleicht nicht ganz so daneben liegt wie mit dem ersten Mißverständnis, weil echter Glaube durchaus auch etwas mit "für wahr halten" zu tun hat, allerdings erst in zweiter, dritter oder vierter Linie und keinesfalls in der Hauptsache. Doch, wie heißt es so schön: "Knapp daneben ist auch vorbei!"

Das dritte Mißverständnis in puncto Glauben ist weit verbreitet und äußerst schwerwiegend. Es ist die Gleichsetzung von christlichem Glauben und Religion: "Glaube ist gleich Religion". Dieses Mißverständnis zeigt sich in dem Satz, den man oft zu hören bekommt: "An irgend etwas muß der Mensch ja glauben." Hier werden mit dem Wort "glauben" alle Versuche, Bemühungen und Anstrengungen bezeichnet, mit denen ein Mensch darauf aus ist, sich "rückzubinden" ("re-ligio" heißt wörtlich "Rück-Bindung") an ein "höheres Wesen" und mit diesem Wesen, das als "Gott" oder "Götter" bezeichnet wird, im Reinen zu sein. Religion ist immer eine Bewegung von unten nach oben: Der Mensch versucht, zu Gott zu kommen, der Mensch versucht, durch Übungen und bestimmte Techniken, Gott "gnädig zu stimmen", Gott auf seine Seite zu ziehen. Glaube in diesem Sinn ist vor allem: etwas leisten, möglichst viel tun, um Gott Eindruck zu machen, durch gute Werke Gott zu überzeugen, was für ein toller Typ man doch ist.

Nun wissen wir also ziemlich genau, was "glauben" nicht heißt. Bleibt die Frage: Was ist dann eigentlich Glaube? Immerhin geht es ja hier nicht um spitzfindige Wortklaubereien und überflüssige Haarspalterei, sondern um Leben und Tod. Ja, ihr habt richtig gehört: Wie anders wäre sonst das Wort im Alten Testament zu verstehen: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht" (Jes 7,9) oder das Jesuswort:"Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden" (Mk 16,16)?

Beim biblischen Verständnis von Glauben schwingen zwei Bedeutungen mit, die beide gleich wichtig sind. Das im Alten Testament hauptsächlich verwendete Wort für "glauben", 0/! [amán], bedeutet eigentlich: "einen Pflock einschlagen". Gemeint ist ein Zeltpflock. Denn zur Zeit des Alten Testaments gab es viele Nomaden, die keine festen Häuser hatten. Aber ihre Zelte mußten trotzdem fest verankert sein, damit nicht der erstbeste Windstoß sie wegblasen konnte. Und damit ist klar: Glauben hat etwas mit Festigkeit, mit unerschütterlicher Gewißheit zu tun. Glauben heißt: Ich schlage die Zeltpflöcke meines Lebens bei dem lebendigen Gott ein. Allein in Ihm will ich meine Gewißheit, meine Sicherheit und meine Geborgenheit haben, weil ich weiß, daß auf ihn Verlaß ist. Glauben ist deshalb das Gegenteil von "nicht wissen". Ja, es bedeutet "wissen". Am Ende seines ersten Briefes faßt der Apostel Johannes noch einmal zusammen: "Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wißt, daß ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes" (1. Joh 5,13). Johannes schreibt nicht: "... damit ihr vermutet, daß ihr das ewige Leben habt ..." oder: "... damit ihr glaubt, daß ihr das ewige Leben habt ..." oder: "... damit ihr hoffen könnt, daß ihr das ewige Leben habt ...", nein, er schreibt: "... damit ihr wißt, daß ihr das ewige Leben habt ...". Er ist absolut sicher, daß die, die an den Sohn Gottes glauben, das ewige Leben haben, und er möchte eben diese Gewißheit auch weitergeben. Von wegen: Glauben heißt "nicht wissen" ...

Und damit sind wir bei der zweiten Bedeutung des Wortes "Glauben". Das im Neuen Testament fast ausschließlich verwendete Wort, B4FJ,b,4< [pisteúein], leitet sich von dem Wort "Treue" ab und bedeutet "vertrauen", in einer persönlichen Liebes- und Treuebeziehung zu Gott leben, es ist nahezu deckungsgleich mit dem Wort "lieben". Ja, es geht beim Glauben nicht um Sätze, die wir anerkennen, es geht darum, den lebendigen Gott, den dreieinigen Gott, den Vater, Jesus, den Heiligen Geist, kennenzulernen, persönlich kennenzulernen und ihn, Gott, zu lieben, in einer persönlichen Beziehung mit ihm zu leben. Es ist kein Zufall, daß das höchste und größte Gebot dazu auffordert, Gott zu lieben, und zwar ganz und gar, mit allem, was wir sind und haben, mit allen Stärken und allen Schwächen, Ihn über alles andere zu erheben.

Und ihn lieben können wir nur, "weil er uns zuerst geliebt hat" (1. Joh 4,19). Weil er zu uns gekommen ist, als Mensch in Jesus Christus. Nur weil Gott heruntergekommen ist, weil er von oben nach unten gekommen ist, deshalb können an ihn glauben, ihn lieben, ihm vertrauen. Solcher Glaube ist das Gegenteil von "Religion", solcher Glaube ist nicht der krampfhafte Versuch, zu Gott zu kommen, sondern solcher Glaube lebt davon, daß Gott zu uns kommt, daß er selber die Gemeinschaft mit uns sucht, daß er bei uns ist und mit uns lebt, ja sogar: in uns lebt.

"Lebhaft glauben" bedeutet dann: diese Liebesbeziehung zu dem lebendigen Gott mit Leben zu füllen, "die Sehnsucht leben", wie ein Buchtitel lautet. Diese Beziehung zu Gott nicht auf bestimmte Zeiten und Orte zu beschränken, sondern Gott Raum geben in unserem Leben, alle Phantasie einsetzen, kreativ werden, damit unser Glaube nicht tot ist, sondern von prallem Leben erfüllt ist, von dem Leben, das nur Er, Gott selbst geben kann, weil er selbst das Leben ist.

"Glaubhaft leben - lebhaft glauben", das können wir nur in der engen Verbindung mit dem lebendigen Gott, auf den Glaube ausgerichtet ist und von dem her er mit Leben gefüllt ist. In einer lebendigen Beziehung mit dem lebendigen Gott zu leben, das können wir, weil er selbst uns diese Beziehung ermöglicht und anbietet. Wenn wir uns darauf einlassen, dann braucht "Glaubhaft leben - lebhaft glauben" kein frommer Wunsch zu bleiben.

Amen.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht einen gesegneten Sonntag!